Orthodoxe Textquellen und Zeugnisse in deutscher Übersetzung
Der Schmale Pfad der Rettung, wie ihn das orthodoxe Christentum versteht

 

Aus DER SCHMALE PFAD, Band 9:

Hl. Starez Varsonofij von Optina:

Bemerkungen über Kunst, Literatur, Musik – und Gebet

 

Die folgenden Bemerkungen über Kunst, Literatur und Musik in ihrem Verhältnis zur orthodoxen Spiritualität sind den Aufzeichnungen der Schüler zweier Starzen aus dem Kloster Optina Pustyn’ („Optina-Einsiedelei“) entnommen. Viel ist über dieses berühmte Kloster geschrieben worden, das eines der wichtigsten Zentren des geistlichen Lebens im vorrevolutionären Rußland bildete. Die 14 heiligen Altväter aus dem Optina-Kloster stellen eine geistige Dynastie dar, die sich über einen Zeitraum von mehr als einem Jahrhundert erstreckt. Ihr Einfluß auf die russische Gesellschaft war groß, ihr von Gott erleuchteter Rat zog unzählige Suchende aus allen Schichten der Gesellschaft von nah und fern an. Der bekannteste unter ihnen, Starez Amvrosij, diente Dostoevskij als eines der Vorbilder, nach denen er Starez Zosima in „Die Brüder Karamasov“ gestaltete. Die Starzen Nektarij und Varsonofij sind von nicht geringerer geistlicher Bedeutung. Die folgenden Ausschnitte aus diesen Aufzeichnungen mögen einen kleinen Eindruck von dem vermitteln, was „orthodoxe Weltsicht“ bedeuten kann und wie sie von zwei großen heiligen Altvätern an der Schwelle unserer Zeit vermittelt wurde. Es handelt sich dabei nicht um systematische Darstellungen, sondern eher um assoziativ aneinandergereihte Bemerkungen. Sie mögen zur weiteren Beschäftigung mit diesen Themen Anregungen bieten.  (Red.)

Der hl. Varsonofij von Optina (1845-1913) war ein Mann von großer Intelligenz und Bildung. Er hatte zunächst eine Laufbahn beim Militär eingeschlagen und war bis in den Rang eines Oberst (die Beförderung zum General stand kurz bevor) gelangt, als er sich im Alter von 46 Jahren nach einer Begegnung mit Starez Amvrosij vom Militär verabschiedete und als Novize ins Optina-Kloster eintrat. Während einer schweren Krankheit hatte ihn die Gnade Gottes berührt und – nach den Worten von Starez Nektarij: „Aus einem brillanten Soldaten wurde in einer einzigen Nacht durch den Willen Gottes ein großer Altvater.“ Im Verlauf von 16 Jahren leistete er seinen Gehorsam im Kloster und durchlief die Rangstufen, bis er 1907 zum Vorsteher der Optina-Skit bestimmt wurde. 1912 wurde er Opfer einer Verleumdungs-kampagne, die eine reiche Dame aus der Petersburger Gesellschaft gegen ihn angezettelt hatte, und wurde infolgedessen – quasi aus „Verlegenheit“ zum Archimandriten erhoben – in das Alte Golutvin Kloster „strafversetzt“, das sich in schlechtem Zustand befand. Es gelang ihm trotz seiner sehr schwachen Gesundheit und vielfältigen Schwierigkeiten, dieses Kloster zu ordnen und geistlich wiederaufzubauen. Wieder strömten Tausende von geistlichen Kindern und Ratsuchenden zu ihm. So starb er 1913 quasi „im Exil“ inmitten seines aufopferungsvollen Dienstes. Er war bekannt für seine außerordentliche Hellsichtigkeit, deren Blick in die verborgendsten Geheimnisse der Seele drang. Eine Reihe von umfangreichen Aufzeichnungen von Gesprächen mit seinen Schülern sind erhalten geblieben sowie persönliche Erinnerungen an Begegnungen mit ihm.  (Red.)

Aus den Gesprächen, aufgezeichnet von seinen geistlichen Schülern:

„Wenn ihr Kinder habt, lehrt sie Musik. Aber natürlich wirkliche Musik – engelhafte, nicht Tänze und weltliche Lieder. Musik unterstützt die Entwicklung der Wahrnehmung des geistlichen Lebens. Die Seele wird verfeinert. Sie beginnt auch die Musik des Geistes zu verstehen. In der Kirche lesen wir die Sechs Psalmen*, und zu dieser Zeit gehen die Leute oft aus der Kirche. Seht ihr, sie verstehen nicht und nehmen nicht wahr, daß die sechs Psalmen eine spirituelle Sinfonie sind, das Leben der Seele, das die ganze Seele umfaßt und eine höchst erhabene Freude spendet. Die Menschen verstehen das nicht. Ihre Herzen sind versteinert. Doch Musik hilft ihnen, die Schönheit der sechs Psalmen zu empfinden.“

„Einige sagen, daß Wissenschaft und Kunst, besonders Musik, den Menschen regenerieren und ihm erhabene ästhetische Freuden gewähren würden, aber das ist nicht wahr. Unter dem Einfluß von Kunst, Musik, Gesang usw. erfährt der Mensch tatsächlich Freude, aber sie hat nicht die Macht, ihn wiederaufzurichten.

Als ich noch in der Welt war, liebte ich die Musik sehr und spielte selbst auch Harmonium. Ein Klavier kann nicht solch eine Tiefe des Empfindens vermitteln. In Kazan lebte der berühmte Komponist Paschalov. Um mein Spiel zu verbessern, begann ich, bei ihm Stunden zu nehmen. Wir hatten oft Gespräche miteinander.

‚Wissen Sie, Ihre Seele ist völlig abgestorben’, sagte ich ihm einmal.

‚Woher haben Sie das denn?’, erwiderte er.

‚Aus ihren eigenen Worten’, antwortete ich. ‚Sie gehen nicht zur Kirche, und Sie nehmen nicht an den Heiligen Mysterien teil.’

‚Nun, was hat es denn damit auf sich?’, fuhr Paschalov fort. ‚Ich glaube an Gott und diene Ihm mit dem Talent, das ich habe. Zieht mich nicht die Musik von allem Irdischen fort? Und ich erfahre große Süße. Es scheint mir, daß keiner die Werke der Musiker und Künstler so gut versteht wie ich – ich spreche von Mozart, Beethoven, Meyerbeer und so weiter.’

Dennoch kann diese ästhetische Süße nicht die Stelle der Religion einnehmen’, sagte ich ihm. ‚Es gibt mehrere Pforten, durch die man in das Reich des Himmels eintritt. Sie haben schon eine von ihnen durchschritten; diese Tür ist die Taufe.’

‚Ja, ich bin getauft.’

‚Und eine weitere ist die Reue oder – anders gesagt – die Beichte. Sie haben lange nicht gebeichtet, nicht wahr?’

‚Zwanzig Jahre. Ich erinnere mich, daß ich während meiner Zeit auf der höheren Schule gebeichtet habe, dann noch zweimal ohne Glauben. Dann ging ich nach Frankreich, um Stunden bei einem bekannten Musiker zu nehmen, und von dieser Zeit an habe ich nicht mehr gebeichtet.’

‚Da sehen Sie es selbst! Und die dritte Tür ist die Heilige Kommunion.’

‚Nun, daran glaube ich nicht.’

‚Glauben Sie, daß Amerika existiert?’

‚Natürlich – das weiß doch jeder Schuljunge.’

‚Nun, wenn jemand zu Ihnen sagen würde: Ich glaube nicht daran, daß Amerika existiert – dann würde doch Amerika wegen dieser Worte nicht aufhören zu existieren, oder? So bleibt auch das große Mysterium des Blutes und Leibes Christi in seiner vollen Macht, trotz der Tatsache, daß Sie daran nicht glauben.’

Gebildete Leute begeben sich ins Ausland auf Reisen, unter den südlichen Himmel von Sizilien, wir aber gehen tief in unser eigenes Herz, in dem eine ganze wundervolle Welt enthalten ist, die für viele unbekannt ist. Doch wie kommen wir dort hinein? Der einzige Schlüssel ist das Jesus-Gebet, welches für denjenigen, der es praktiziert, diese Welt öffnet.“

„Achte auf jedes Ereignis in deinem Leben“, sagte Vr. Varsonofij zu mir [seinem Schüler, dem späteren hl. Starez Nikon]. „Es gibt eine tiefe Bedeutung in allem. Jetzt ist sie dir unverständlich, doch später wird sie dir offenbar werden.“ [...] Gestern, als ich am Schreibtisch des Starez schrieb, las er den Brief einer jungen Frau, und er erzählte mir folgendes über sie:

„Dieses Mädchen spielt wunderschön Musik; sie liebt klassische Musik.

‚Welche Musik spielen Sie besonders gern?’, fragte ich sie.

‚Beethoven und Haydn’, antwortete sie.

‚Aber es gibt noch bessere Musik’, sagte ich.

      ,Welche Art von Musik – Mozart?’, fragte sie.

‚Nein, noch bessere.’

‚Vielleicht Bach.’

‚Nein, nein.’

‚Welche Art Musik dann? Ich weiß es nicht’, sagte sie.

‚Die Musik der Seele.’

‚Der Seele? Gibt es denn wirklich so etwas wie eine Musik der Seele?’, fragte sie.

‚Natürlich gibt es das.’

‚Das ist das erste Mal, das ich davon höre. Welche Art Musik ist das?’

‚Es ist die Ruhe der Seele. Es ist jene Ruhe, von der es im Evangelium heißt: Nehmt Mein Joch auf euch, denn Ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen (Mt 11,29). Das ist genau diese Ruhe. Haben Sie Mathematik gelernt? Wissen Sie, was das Zeichen 'Gleichung' bedeutet? Nun, Ruhe für die Seele ist gleich Seligkeit und dies ist gleich Musik, die Harmonie aller Kräfte der Seele.’

‚Nun, tatsächlich – das ist Musik!’“

„Als ich noch in der Welt lebte, liebte ich die Oper. Gute, ernste Musik schenkte mir Freude, und ich hatte immer ein Abonnement – einen Sitz im Orchester. Später, als ich anderen, geistlichen Trost erfuhr, hörte die Oper auf, für mich von Interesse zu sein. Wenn sich ein Ventil des Herzens gegenüber weltlichen Vergnügungen schließt, öffnet sich ein anderes Ventil für den Empfang von geistlichen Freuden.

Aber wie erlangen wir das? Zunächst durch Frieden und Liebe gegenüber den Nächsten: Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, läßt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit. Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand. Die Liebe hört niemals auf... (1 Kor 13,4-8) Dann, durch Geduld. Wer wird gerettet werden? Wer bis zum Ende standhaft bleibt, wird gerettet werden (Mt 10,22). Auch, indem man sich von solchen sündigen Vergnügungen fernhält wie beispielsweise Kartenspiele oder Tänze usw.

Ein Mann hatte einen Traum von Menschen, die die Quadrille tanzten, und ein Engel des Herrn belehrte ihn mit den Worten:                                                       

‚Schau, was sie tun.’ Und er sah es: ‚Herr, das ist in Wirklichkeit eine Entweihung des Kreuzes Christi!’ In der Tat – die französische Quadrille wurde während der Revolution erfunden, um auf das Kreuz zu trampeln. Ihr seht, entweder vier oder acht Menschen tanzen sie in Form des Kreuzes.

Eine S’chima-Nonne hatte einen ähnlichen Traum. Es schien ihr, als wären die Tänzer von Flammen umgeben und von Bändern gefesselt, und Dämonen sprangen herum und freuten sich mit Selbstgefälligkeit über die Zerstörung dieser Menschen.“

„ ,Alles ist nett hier’, sagte jemand zu Vr. Klement Sederholm oder Vr. Leonid Kavelin; ich habe vergessen, wer es war“, begann Altvater Varsonofij, „ ‚Alles ist nett hier, aber eine Sache fehlt – Musik. Es wäre doch schön, wenn jemand einige ernste Stücke von Beethoven oder einem anderen auf dem Klavier spielen würde. Was sagen sie dazu?’

‚Nein.’

‚Warum nicht?’

‚Nein.’

‚Sagen Sie, warum antworten Sie so kategorisch?’

‚Nun, in Ordnung, ich sage es Ihnen; nur mein geistlicher Vater, Batjuschka Makarij, weiß davon: Ich habe das innere Gebet empfangen.’

Das ist ein unbeschreiblicher Zustand; ihn kann nur derjenige verstehen, der ihn selbst erfahren hat. Ein solcher Mensch kann von der ganzen Welt verachtet werden; sie können ihn kränken, Mißbrauch mit ihm treiben, ihn schmähen, ihm Kummer bereiten, über ihn lachen. Es ist alles dasselbe für ihn; er wiederholt nur: Ehre sei Gott... Der Zustand eines Menschen, bevor er das innere Gebet erlangt hat, habe ich in einem Gedicht beschrieben. Dieser Zustand ist chaotisch und schrecklich schmerzvoll. Das Violinspiel – wenn einer es versteht – ist recht angenehm. Doch solange jemand das Violinspiel lernt, sind die Klänge grauenhaft. Dieser Zustand ähnelt auch dem Stimmen der Instrumente am Anfang einer Aufführung. Da ist das Instrument, das Klavier ist offen, eine ganze Reihe von Tasten befindet sich vor uns. Wer ist der Spieler? Gott. Wir müssen asketisch arbeiten, und der Herr wird gemäß seiner Verheißung handeln: Wir werden kommen und in ihm Wohnung nehmen (Jh 14,23). Er wird zu uns kommen und unser Instrument spielen. [...] Von dieser Musik ist oft in den Psalmen die Rede: Meine Kraft und mein Lobgesang ist der Herr (Ps 117,14); Singen will ich dem Herrn, ja lobsingen (Ps 26,6); singen will ich dem Herrn in meinem Leben, lobsingen meinem Gott, solange ich bin (Ps 103,33). Dieser Gesang ist nicht auszudrücken. Um ihn zu empfangen, gehen die Menschen in die Klöster, und sie empfangen ihn tatsächlich: einer nach fünf Jahren, ein anderer nach zehn, ein dritter nach fünfzehn, und ein vierter nach vierzig Jahren. Möge Gott auch dir gewähren, ihn zu empfangen; zumindest bist du schon auf dem Weg dorthin.“

Vr. Varsonofij sprach häufig über „Künstler“, das heißt, kreative Intellektuelle (Schriftsteller, Komponisten und Maler). In ihnen sei oft seelische Kraft vorhanden, erklärte er, – jedoch nicht auf Gott gerichtet. Doch auch bei ihnen lodert manchmal eine Sehnsucht [nach Gott] auf – und erstirbt. „Die Mehrzahl unserer besten Künstler und Schriftsteller“, sagte Vr. Varsonofij, „kann man mit Menschen vergleichen, die zur Kirche gekommen sind, als der Gottesdienst schon begonnen hat und die Kirche voll ist. Solche Menschen stehen am Eingang – es ist schwer, hineinzugehen, und sie unternehmen nicht einmal eine Anstrengung, dies zu tun. Irgend etwas klingt hinüber zu ihnen aus dem Gottesdienst: die Cherubim-Hymne oder Wir loben Dich... Und so stehen sie und stehen, ohne in der Kirche selbst zu sein. So gibt es auch Künstler und Dichter, die an den Pforten des Himmelreiches stehen – dort stehen sie, sind aber nicht eingetreten; und währenddessen hat man ihnen so viele Mittel gegeben, um ihnen den Eintritt zu ermöglichen. Ihre Seelen sind – wie Dynamit – aufgeflammt und gingen wieder aus. Die Gedanken des Dichters, ausgedrückt in diesem Werk, sind sein Bekenntnis, obgleich der Verfasser dies oft selbst nicht erkennt. Nehmen wir zum Beispiel ein Gedicht von Lermontov*:

An der Pforte eines heiligen Klosters
      Stand bettelnd ein Armer.
      Kaum noch am Leben, verdorrt,
     
lange schon ohne Speise und Trank.
      Er flehte um eine Krume Brot,
      Angst stand in seinem Blick.
      Statt dessen legte jemand einen Stein
      In seine ausgestreckte Hand.

Dieser arme Mann, von dem Lermontov spricht, ist er selbst. Und der ‚Jemand’ ist Satan, der ihm verstohlen einen Stein statt des Brotes gab, d. h. einen Ersatz für den Glauben. Und nun tut er [Lermontov] dies: Unter seinem Einfluß wird ein ‚neues Christentum’ geschaffen. Tolstoj, der sein eigenes Evangelium zusammenstellte, sein eigenes Christentum, wurde von ihm inspiriert. Weiter unten sagt Lermontov: ‚So bettelte ich um deine Liebe...’ Bat er um Liebe von der Schönheit? Von einer Frau? Von jedem außer Gott, der allein Liebe geben kann; außer Christus, an den er sich nicht wandte und den er nicht liebte. Und er empfing einen Stein statt des Brotes. Er wußte nicht, wie viele nicht wissen, welche unaussprechlichen Freuden einer Seele aus der Gemeinschaft mit Gott, mit dem Herrn, der Quelle der Liebe, erwachsen. Um Ihn zu finden, um in die Gemeinschaft mit Gott einzutreten, suchen diejenigen, die eine tiefere Natur besitzen, die Einsamkeit und fliehen vor dem Lärm und der Geschäftigkeit der Menschen. Was noch wichtiger ist – um des größtmöglichen Verständnisses Gottes willen muß man tief in Seine Lehren eintauchen, Seine Gebote erfüllen. Und die Gebote des Herrn sind nicht schwer (1 Jh 5,3). Der Herr selbst sagte dies, und in Seinem Wort ist kein Falsch.“

   Der Starez bezog sich in seinen Gesprächen mit Laien immer auf Beispiele aus der Literatur. Oftmals, in ein paar Sätzen, erklärte er den Kern eines Phänomens und setzte Meilensteine, indem er die weltlichen Gedanken des Zuhörers näher zum Spirituellen brachte und ihn unmerklich zu rein geistlichen Fragestellungen führte. Auf diese Weise brachte er das Gespräch, als er mit einem Dichter sprach, der sich ausschließlich mit Liebeslyrik befaßte, überraschend auf Lermontov. Er offenbarte einen neuen Aspekt des Textes, viel tiefer als es die eigentliche Gestaltungsabsicht des Verfassers vorsah. Zuvor hatte er über den spirituellen Weg von Gogol’ gesprochen, und man meinte, daß unter den klassischen russischen Schriftstellern Gogol’ der spirituellste sei. Doch in dem erwähnten Gespräch sagte der Starez: „Unter unseren russischen Schriftstellern suchte Puschkin Gott vielleicht mehr als alle anderen – aber ob er Ihn gefunden hat oder nicht, weiß ich nicht.“ Die Aufrichtigkeit Puschkins stand für ihn über jedem Zweifel; der Dichter war einfach zu früh gestorben. Für Gogol’ war Puschkin in der spirituellen Dimension ein Vorläufer. In Ausgewählte Passagen aus der Korrespondenz mit Freunden spricht Gogol’ über Puschkin: „In seiner letzten Periode entnahm er viel dem russischen Leben und sprach über alles so genau und intelligent. Aber noch bemerkenswerter ist das, was er mit seiner Seele zum Ausdruck brachte.“ Gogol’ zitiert Puschkin und zeigte, wie dieser alles spirituell betrachtete. An einer Stelle beschreibt er den Berg Kazbesi – und was kommt ihm in den Sinn, als er zum Gipfel schaute? Dieser Vers: „Wenn nur dort, in einer Zelle hinter den Wolken, nahe bei Gott, ich mich verbergen könnte!“

Vr. Varsonofij lehrte, daß jeder nicht nur die literarischen Werke, sondern auch das eigene Leben – all seine Geschehnisse, bis zu den geringsten – auf spirituelle Weise interpretieren solle.

„Unser ganzes Leben ist ein großes Mysterium Gottes“, sagte er. „Alle Umstände des Lebens, ganz gleich wie unbedeutend sie scheinen, haben enorme Bedeutung. Wir werden die Bedeutung des jetzigen Lebens in der zukünftigen Welt verstehen. Wie umsichtig müssen wir daher sein – doch wir blättern durch unser Leben wie in einem Buch, Seite nach Seite, und wir sind uns dessen nicht bewußt, was dort geschrieben steht. Es gibt nichts Zufälliges im Leben; alles geschieht nach dem Willen des Schöpfers. Möge der Herr uns gewähren, in diesem Leben das Recht zu erlangen, in das ewige Leben einzutreten!“

Und Vr. Varsonofij fuhr fort: „Der Dichter Lermontov erklärte die unbegreifliche Traurigkeit, die in vielen Menschen vorhanden ist. Er sagte, daß die Seele jenseits der irdischen Schönheit von einer besseren, schöneren anderen Welt träume. Und dieses Vergehen vor kummervoller Sehnsucht nach Gott ist das Los der Mehrzahl der Menschen. Sogenannte ‚Ungläubige’ glauben in Wirklichkeit nicht an sich selbst und – das wollen sie nicht zugeben – sehnen sich nach Gott. Nur im Fall einiger weniger Unglücklicher sind deren Seelen dermaßen verschmutzt, eingespannt in Geschäftigkeit, so daß sie die Fähigkeit verloren haben, sich nach dem Himmel zu sehnen und vor Gram danach zu vergehen. Der Rest sucht ihn. Und jene, welche Christus suchen, finden Ihn gemäß der verläßlichen Worte des Evangeliums: Klopft an, und es wird euch geöffnet werden; suchet, und ihr werdet finden (Mt 7,7; Lk 11,9). In Meines Vaters Haus sind viele Wohnungen (Jh 14,2). Habt acht, der Herr spricht hier nicht nur von himmlischen, sondern sogar über irdische Wohnungen, und nicht nur über innerliche, sondern auch über äußere. Der Herr bringt jede Seele in eine Position, umgibt sie mit äußeren Umständen, wie sie für sie am meisten Nutzen bringen. Dies ist die äußere Wohnung – es erfüllt die Seele mit Ruhe, Frieden und Freude, wenn der Mensch gemäß dem Glauben und der Liebe zu Gott lebt. Dies erscheint auch als innere Wohnung, wenn der Mensch in Gott wohnt.

Dostoevskij, der hier war und in diesem Lehnstuhl saß, sagte zu Vater Makarij, daß er zuvor an nichts geglaubt habe.

‚Und was brachte Sie dazu, sich dem Glauben zuzuwenden?’

‚Wie es dazu kam? Ich sah das Paradies. Oh, wie gut ist es dort, wie licht und froh! Und seine Bewohner sind so schön und voller Liebe. Sie begegneten mir mit außerordentlicher Innigkeit. Ich kann das nicht vergessen, was ich dort erfuhr – und von dieser Zeit an wandte ich mich Gott zu!“

Und tatsächlich begab er sich auf den rechten Weg, und wir glauben, daß Dostoevskij die Rettung gefunden hat.             

Ein Gespräch vom 13. April 1911:

„ ’Unser Leben ist im Himmel’ – das ist das übliche Thema meiner Gespräche. Durch diesen Gedanken ziehe ich mich und meine Zuhörer von den Bindungen an die irdischen, geschaffenen Dinge fort. ’Unser Leben ist im Himmel.’ Unzufriedenheit mit den irdischen Gegebenheiten kann man auch bei unseren großen weltlichen Schriftstellern spüren – zum Beispiel bei Turgenev und Puschkin; und bei den ausländischen – Schiller, Shakespeare und Heine.

Vor fünfzig Jahren, als ich noch auf den breiten Straßen dieser Welt ging, las ich Heine, aber er machte auf mich immer einen schmerzlichen Eindruck. Das war ein großes Talent, doch er war nicht erleuchtet durch den Glauben an Christus. Er war als Jude geboren, und obwohl er das Christentum annahm, geschah das nur um des Privilegs willen. In seiner Seele war er ein Atheist und glaubte weder an das Christentum noch an das Judentum. Die alten heidnischen Philosophen – Aristoteles, Platon und Sokrates – wurden nicht befriedigt durch die Welt. Doch da gab es ein trauriges Phänomen: Je höher sie strebten, um über der Erde zu schweben, desto tiefer fielen sie.

Bei einem Christen geschieht das nicht. Im Gegenteil: Wenn er sich von der Erde erhebt, sich von den Bindungen des Lebens löst, den Berg zu Gott aufsteigt, wird er verändert; er wird neugeboren und wird zu Empfindungen erhabener Freude fähig.

Die Melancholie über die verlorene Seligkeit zeigt sich durchgehend in den Werken der großen Schriftsteller und Künstler. Doch nirgendwo ist jener Schmerz – gelöst durch den Trost – so machtvoll zum Ausdruck gebracht wie in unseren kirchlichen Hymnen und Gebeten. In ihnen kann man zuerst eine Klage über das verlorene Paradies vernehmen, dann tiefen Kummer über die Sünden, dann das freudige Siegeslied über unseren Erlöser.

Nehmt unseren Osterkanon! Wie majestätisch und voller Freude ist er; wie er die Seele bewegt und tröstet, die noch nicht den Geschmack für geistliche Dinge verloren hat: Jetzt ist alles mit Licht erfüllt, Himmel und Erde und Unterwelt... Es feiere die ganze Welt, die sichtbare wie die unsichtbare... Ja, das sind große Tage. Auch in der Welt freuen sie sich an diesen Tagen, doch nicht auf geistliche Weise. Einer freut sich, daß er Geld bekommen hat; ein anderer, daß er Ämter und Auszeichnungen empfangen hat; ein dritter aus anderen Gründen. Einige Menschen freuen sich, daß die Fastenzeit vorbei ist und die Zeit gekommen ist, in der alle Speisen erlaubt sind. Dies ist vielleicht eine legitime Freude, wenn man nur nicht meint, daß das größte Glück im Essen besteht.

Doch in den heiligen Klöstern ist Freude über den auferstandenen Herrn. Hört nicht auf, die heiligen Klöster zu besuchen, besonders an Festtagen, auch wenn ich nicht mehr da bin. Hier und dort flackert geistliches Leben, das die Seele des Menschen wärmt. Es ist wahr, es gibt auch irdische Freuden, welche die Seele veredeln. Es ist keine Sünde, sich an den schönen Dingen dieser Welt zu erfreuen. Es gibt außergewöhnlich schöne Orte: die wundervollen Alpen, von der Sonne beschienen, und viele prächtige Orte in Italien – zum Beispiel sagt ein Sprichwort über Neapel: ’Neapel sehen und sterben.’ Weder über Paris noch über Rom wird dies gesagt, sondern nur über Neapel, das wirklich wundervoll ist mit der azurnen See und den Bergen.

Unsere nördliche Natur ist auch schön. Turgenev beschrieb sie deutlich und lebendig in seinen Werken. Nebenbei gesagt, er besuchte Optina und war bezaubert von der Schönheit unseres Klosters. Doch die gegenwärtige Welt ist nur ein schwaches Gleichnis von jener vor dem Sündenfall. Es gibt eine Welt in der Höhe, von deren Schönheit wir keinen Begriff haben. Nur heilige Menschen verstehen sie und erfreuen sich an ihr. Diese Welt ist unbeeinträchtigt geblieben, doch die irdische Welt machte nach dem Fall in die Sünde eine erhebliche Wandlung durch. Das ist dasselbe, als würde jemand die besten Werke der Musik in einzelne Töne zerteilen. Den Eindruck der Welt im ganzen kann man dann nicht erlangen. Oder man könnte beispielsweise ein Gemälde von Raphael in Streifen schneiden und die einzelnen Stücke untersuchen. Was wäre zu sehen? Nun, irgendein Finger, auf einem anderen Schnitzel ein Stück Kleidung und so fort. Doch der großartige Eindruck, den Raphaels Werke hinterlassen, würden wir natürlich nicht empfangen. So ist es mit der gegenwärtigen Welt. Gewisse Asketen haben sogar ihren Blick von ihr abgewandt. Ein Asket ist bekannt, der das einzige Fenster seiner Hütte mit einer Ikone verstellte, obwohl sich dort eine zauberhafte Aussicht öffnete. Man fragte ihn: ‚Wie kommt es, Vater, daß du nicht einmal schauen willst, während wir niemals müde werden, auf den Himmel zu blicken, die Berge, die Ägäische See mit ihren Inseln.’ ‚Weshalb ich das Fenster verstelle’, erwiderte der Asket, ‚ist euch nicht gegeben zu verstehen, doch ich habe keinen Wunsch, die Schönheit dieser Welt zu betrachten.’ Dies kam daher, weil der Asket die Schönheit der himmlischen Welt betrachtete und seine Aufmerksamkeit davon nicht ablenken wollte.

Wahrlich, wer die höchste Glückseligkeit kennengelernt hat, ist gegenüber irdischem Trost unempfindlich geworden. Doch für dieses Wissen muß man eine hochfliegende Seele besitzen.

Ich erinnere mich an folgenden Fall. In einer reichen Familie gab es eine Abendgesellschaft. Ein talentiertes Mädchen spielte erstaunlich gut die besten Werke von Mozart. Jeder war davon gefangen-genommen. Doch am Türsturz stand der Diener, der die Gäste bediente und gähnte. ‚Warum hören die Herrschaften denn dieser langweiligen Musik zu...? Wenn sie doch wenigstens die Balalaika spielen würden...!“ Er war korrekt in seinem Urteil, denn ernste Musik war für ihn völlig unzugänglich. Sogar schon um Werke der irdischen Kunst zu verstehen, muß man künstlerischen Geschmack haben. Nehmen wir den Gesang. Heutzutage sind theatralische Gesänge und Melodien sogar schon in die Kirche eingedrungen und drängen unseren alten Gesang hinaus. Nichtsdestotrotz ist der letztere von höherem künstlerischem Niveau, aber sie verstehen das nicht.

Einmal war ich in einem Kloster in der Liturgie, und dort hörte ich das erste Mal den sogenannten 'Stolbovój'-Gesang*. Die Cherubim-Hymne und 'Gnade des Friedens' machten auf mich einen starken Eindruck. Es waren dort nur wenige Menschen, und ich stand in einer Ecke und weinte wie ein Kind. Nach der Liturgie schaute ich beim Abt vorbei und stellte ihm Fragen zu meinen Eindrücken.

‚Und Sie haben aller Wahrscheinlichkeit nach noch niemals den Stolbovoj-Gesang gehört?’, fragte mich der Abt.

‚Nein’, antwortete ich, ‚ich habe nicht einmal den Namen irgendwo gehört.’

‚Und was ist ein 'stolbovoj' Adliger?’

‚Nun, das bedeutet, er stammt aus einem alten Geschlecht.’

‚Genauso ist es auch mit dem Stolbovoj-Gesang – es ist ein sehr alter Gesang. Wir haben ihn von unseren Vätern übernommen, und diese von den Griechen.’

Heutzutage kann man den Stolbovoj-Gesang kaum noch irgendwo hören; er ist in Vergessenheit geraten. Viele neue Melodien tauchen auf – die von Aljabev, Lvov und anderen. Es ist wahr, auch unter diesen Neuen gibt es ungewöhnlich talentierte wie Turchaninov. Seine Melodien sind nicht nur in Rußland bekannt, sondern auch im Ausland, sogar in Amerika. Auch die Engländer schätzen ihn. Neulich fragte mich der Chorleiter:

‚Segnen Sie mich, Es ist der Tag der Auferstehung als Hymne nach der Kommunion zu singen.’

‚Gott segne Sie’, erwiderte ich, ‚das ist genau das, was gebraucht wird.’

‚Nur – in einer neuen Melodie.’

‚Welche Art? Singen Sie sie durch, wenigstens in einer Stimme.’ Er sang sie.

‚Nun’, sagte ich, ‚diese Art von Melodie kann höchstens Tränen der Verzweiflung erwecken, jedenfalls keinen freudigen Zustand. Nein, singen Sie in der alten Weise.’ Und so sang er es dann.

Der Oster-Kanon wurde von Johannes Damaskenos komponiert – und so wundervoll, majestätisch komponiert. Er erhebt die Seele und erfüllt sie mit geistlicher Freude in dem Maß, wie der einzelne dafür empfänglich ist. Doch die Frage entsteht: Wo ist der Schlüssel, um diese geistlichen Freuden für uns zu öffnen? Darauf gibt es nur eine Antwort: das Jesus-Gebet. Es ist große Kraft in diesem Gebet. Es hat unterschiedliche Grade. Der allererste ist das einfache Aussprechen der Worte: Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme Dich meiner, des Sünders. Auf der höchsten Stufe gewinnt es solche Kraft, daß es Berge versetzten kann. Natürlich, nicht jeder kann das erlangen, aber für keinen ist es schwer, dieses große Gebet auszusprechen, und der Gewinn ist enorm. Es ist die stärkste Waffe im Kampf gegen die Leidenschaften. Die eine Frau – zum Beispiel – ist stolz. Eine andere wird von lustvoller Begierde überwältigt; sie sieht nicht einmal einen Mann, doch ein Gedanke setzt sich in ihr fest, der ihr sagt, sie müsse Unzucht begehen. Eine dritte ist neidisch und hat keine Kraft, dagegen anzukämpfen – woher bekommt man diese Stärke? Einzig im Jesus-Gebet. Der Feind versucht uns auf jede Weise davon abzubringen: ‚Was soll dieser Unsinn, immer dasselbe zu wiederholen, wenn weder der Geist noch das Herz am Gebet teilhaben? Besser, es durch etwas anderes zu ersetzen...’ Hört nicht auf ihn, er lügt. Macht weiter damit, an diesem Gebet zu arbeiten, und es wird euch nicht fruchtlos lassen.

Alle Heiligen hielten sich an dieses Gebet, und es wurde ihnen so lieb, das sie es um nichts anderes hätten eintauschen wollen. Wenn ihr Geist durch etwas anderes abgelenkt war, litten sie darunter und strebten danach, das Gebet wieder zu beginnen. Ihr Verlangen glich dem eines durstigen Mannes nach Wasser. Manchmal herrscht Wassermangel, und der Mann schafft es nicht, an Wasser zu gelangen. Wenn er aber schließlich eine Quelle findet, trinkt er unersättlich. So dürsteten die Heiligen danach, das Gebet zu beginnen, und sie begannen es mit eifriger Liebe.

In Zadonsk mühte sich der Asket Georgij, der zu jener Zeit gut bekannt war. Schon in jungen Jahren erkannte er die Nichtigkeit des weltlichen Lebens und ging in ein Kloster. Aber sogar damit war er nicht zufrieden und zog sich ins absolute Alleinsein zurück – in die Klausur. So verbrachte er seine Zeit mit Fasten, Gebet und Betrachtung Gottes, doch die Versuchungen verließen ihn nicht. Als er noch in der Welt war, hatte er ein Mädchen geliebt mit einer reinen Liebe, und ihr Bild stand oft vor ihm und versetzte seine geistliche Stille in Unruhe. Als er einmal seine Hilflosigkeit in diesem Kampf erkannte, rief er: ‚O Herr, wenn dies mein Kreuz ist, gib mir die Stärke, es zu tragen; doch wenn nicht, dann lösche die Erin-nerung an sie aus meinem Gedächtnis.’ Der Herr erhörte ihn. In derselben Nacht sah er in einem Traum eine junge Frau von nie gesehener Schönheit, gekleidet in goldene Gewänder. Aus ihrem Blick erstrahlte solch unirdische Majestät und engelhafte Reinheit, daß Georgij seine Augen nicht von ihr abwenden konnte, und mit Ehrfurcht fragte er: ‚Wer bist du? Wie ist dein Name?’ ‚Mein Name ist Keuschheit’, antwortete sie, und die Vision war zu Ende. Der Asket kam zu sich und dankte dem Herrn dafür, daß Er ihn zur Besinnung gebracht hatte. Das Bildnis, das er in seinem Traum gesehen hatte, prägte sich seinem Geist dermaßen tief ein, daß es alle anderen Bilder völlig auslöschte.

Und ich bitte euch aufrichtig – verbannt alle Bilder aus eurem Kopf und Herzen, damit dort nur noch eines sein kann – das Bild Christi. Aber wie gelingt einem das? Wiederum, durch das Jesus-Gebet. Neulich kam einer unserer S’chima-Mönche aus der Skit zu mir: ‚Ich bin in Verzweiflung gefallen, Abba, denn ich sehe in mir – in einem, der das erhabene Engelsgewand trägt – keine Veränderung zum Besseren. Der Herr fordert streng Rechenschaft von einem, wenn man ein Mönch oder S’chima-Mönch ist – allein aufgrund dieses Gewandes. Aber wie kann ich mich verändern? Wie kann ich für die Sünde sterben? Ich erlebe meine völlige Machtlosigkeit.’

‚Ja’, erwiderte ich, ‚wir sind völlig bankrott, und wenn der Herr gemäß der Werke richten würde, fände Er nichts Gutes in uns.’

‚Aber gibt es dann Hoffnung auf Rettung?’

‚Natürlich gibt es die. Sprechen Sie immer das Jesus-Gebet und überlassen Sie alles dem Willen Gottes.’

‚Aber welcher Gewinn kann denn von diesem Gebet kommen, wenn weder der Geist noch das Herz daran teilnehmen?’

‚Riesiger Gewinn. Natürlich, das Gebet hat viele Abstufungen, vom einfachen Aussprechen bis zum schöpferischen Gebet. Doch für uns – selbst wenn wir nur auf der Grundstufe sind – ist es rettend. Die Mächte des Feindes fliehen vor einem, der das Gebet äußert, und früher oder später wird er schon gerettet werden.’

‚Ich bin auferstanden!’, rief der S’chima-Mönch, ‚nun werde ich nicht mehr verzweifelt sein.’

Und so wiederhole ich: Sprecht das Gebet, und wenn auch nur mit euren Lippen, und der Herr wird euch niemals verlassen. Das Aussprechen dieses Gebets erfordert kein wissenschaftliches Studium. Graf Lev Tolstoj war ein hochgebildeter Mann, doch er hatte Christus nicht in der Seele – und er ging verloren. Das irdische Wissen half ihm nicht. Er wies die Heilige Kirche zurück – und er wurde zurückgewiesen.

Jetzt ist eine freudige Zeit – Pas’cha. Christus ist auferstanden von den Toten, hat den Tod durch den Tod zertreten und denen in den Gräbern das Leben geschenkt. Wer sind ‚die in den Gräbern’? Das sind die sündigen Menschen, die vorher Gott gegenüber tot waren, aber nun auferstanden sind in ein neues Leben durch den Tod Christi des Erlösers.“  

+++


* Den Hexapsalm im Morgengottesdienst, bestehend aus den Psalmen 3, 37, 62, 87, 102 und 142. Sie werden in der Mitte der abgedunkelten Kirche gelesen, während der Priester im Altarraum bzw. vor der Königspforte still die Morgengebete liest.

* Michail J. Lermontov (1814-1841), russ. Offizier und Dichter, Hauptrepräsentant der russ. Romantik. In Technik und Thematik (Stilisierung des Schmerzes, der Sehnsucht, Verachtung der Gesellschaft) war Byron Vorbild. Die große Musikalität seiner Dichtungen (sie wurden oft vertont) ist nur schwer ins Deutsche zu übertragen; das zitierte Gedicht wurde daher nur direkt übersetzt, ohne eine Nachdichtung anzustreben.

* Eine alte Form des Neumengesangs.