Orthodoxe Textquellen und Zeugnisse in deutscher Übersetzung
Der Schmale Pfad der Rettung, wie ihn das orthodoxe Christentum versteht

 

Aus DER SCHMALE PFAD, Band 7:

Hl. Nektarios von Aegina

Über die göttliche Liebe

(Erstmals veröffentlicht in der Zeitschrift „Anamorphosis“, Athen 1904. In Dimothiki übertragen und neu publiziert in der Jahreszeitschrift „Agios Grigorios“ des Hl. Klosters Grigoriou vom Berg Athos, Jahrgang 1986. Übersetzung aus dem Griechischen vom Hl. Kloster Johannes’ des Vorläufers, Chania, Kreta.)

Göttliche Liebe ist die vollendete Liebe zum Göttlichen, die sich äußert als ununterbrochenes Sehnen nach dem Göttlichen. Göttliche Liebe wird in einem reinen Herzen geboren, denn in ein solches Herz kommt die göttliche Gnade herab. Die göttliche Liebe ist ein göttliches Geschenk, das der reinen Seele geschenkt wird von der göttlichen Gnade, die herabkommt und sich der Seele offenbart. Ohne göttliche Offenbarung kann in keinem Menschen göttliche Liebe geboren werden. Denn eine Seele, die solche Offenbarung nicht empfangen hat, hat die Einwirkung der Gnade nicht empfangen und bleibt so ohne Erfahrung der göttlichen Liebe. Es ist mithin unmöglich, daß göttliche Liebe geboren wird ohne Einwirkung von Kraft, göttlicher oder menschlicher, auf das Herz.

Die Gottliebenden wurden zur göttlichen Liebe gezogen durch die göttliche Gnade, die auf ihr Herz einwirkte, sich ihrer Seele offenbarte und sie zu Gott hin zog. Zuerst liebte Gott den Gottliebenden, erst dann entbrannte jener in Liebe zu Gott. Zuerst ward der Gottliebende Sohn der Liebe, erst dann liebte er den himmlischen Vater.

Nie schläft das Herz dessen, der den Herrn liebt, sondern in seiner übermäßigen Liebe wacht es immerdar. Des Bedürfnisses der Natur wegen schläft der Mensch, doch sein Herz wacht und lobsingt Gott.

Der göttliche Chrysostomos sagt über die geistige Liebe: „Die geistige Liebe ist so überwältigend, daß sie keinen Augenblick abläßt, sondern die Seele des Liebenden allezeit völlig beherrscht und keinerlei Trübsal oder Schmerz in der Seele aufkommen läßt.“

Die gottliebende Seele hängt Gott an mit aller Kraft. Auf Ihn vertraut sie, auf Ihn setzt sie all ihre Hoffnung. Die göttliche Liebe hebt sie empor zu Gott, und mit Ihm spricht sie Tag und Nacht.

Die Seele, die verwundet ist von der göttlichen Liebe, begehrt nichts außer dem höchsten Gut. Alles andere läßt sie beiseite, findet an nichts anderem Geschmack.

Die Seele, die ergriffen ist von der Liebe zu Gott, gibt sich der Betrachtung des Wortes Gottes hin und verbleibt in Seinen Zelten. Öffnet sie den Mund, so redet sie von Gottes Wundern. Spricht sie mit anderen, rühmt sie Seine Herrlichkeit und Majestät. Unablässig läßt sie Lobpreis und Dankeslieder aufsteigen zu Gott und betet Ihn an mit göttlicher Sehnsucht. So formt die Gottesliebe die ganze Seele sich selbst an, verbindet sie mit ihr und macht sie sich ganz zu eigen.

Die Seele, die ergriffen worden ist von der Liebe zum Göttlichen, hat das Göttliche richtig erkannt, und diese Erkenntnis hat ihre göttliche Liebe entfacht.

Die Seele, die ergriffen ward von der Gottesliebe, ist zur Glückseligkeit gelangt, denn sie hat Den erreicht, nach dem sie verlangte, und Er hat alle ihre Sehnsüchte erfüllt. Jedes Begehren, jedes Sehnen, jedes Verlangen, das der Gottesliebe fremd ist, wird, gemessen an ihr, als bedeutungslos und wertlos zurückgewiesen.

Wie erhebt diese Liebe zum Göttlichen, die identisch ist mit der göttlichen Liebe, die von ihr ergriffene Seele! Einer leichten Wolke gleich läßt diese göttliche Liebe die Seele aufsteigen und bringt sie hin zum unerschöpflichen Quell der Liebe, zur ewigen Liebe, und erfüllt sie mit unvergänglichem Licht.

Die Seele, die verwundet ist von der göttlichen Liebe, freut sich allezeit, sie jubelt und springt und tanzt, denn sie ruht beständig in der Liebe des Herrn wie „an den Wassern der Ruhe“ [vgl. Ps 22,2]. Keine Trübsal dieser Welt vermag ihre innere Stille und ihren Frieden zu stören, kein Schmerz dieser Welt ist imstande, ihr ihre Freude und ihren Frohsinn wegzunehmen.

Die Seele, die ergriffen ist von der Gottesliebe, erhebt sich auf den Schwingen der Liebe, löst sich gleichsam von den leiblichen Sinnen, vom Leibe selbst, und vergißt sich selbst in ihrer vollkommenen Hingabe an das Göttliche.

Die unaussprechliche Süße der göttlichen Liebe bezaubert das Herz, nimmt es ganz in ihren Bann und zieht den Sinn zum Göttlichen hin, so daß er sich mit der Wonne Gottes erfreut.

Die göttliche Liebe bewirkt Gewöhnung an Gott, die Gewöhnung bewirkt Vertraulichkeit, die Vertraulichkeit führt zum Genuß und der Genuß zum Durst.

Die Seele, die angerührt worden ist von der Gottesliebe, kann an nichts anderes mehr denken und nichts anderes mehr begehren, und mit unaufhörlichen Seufzern ruft sie: „O Herr, wann werde ich Dich erreichen und erscheinen vor Deinem Angesicht? Meine Seele sehnt sich, zu Dir zu kommen, mein Gott, so wie der Hirsch sich sehnt nach den Wasserquellen“ [vgl. Ps 41]. 

 Solcherart ist die göttliche Liebe, die die Seele in Besitz nimmt.

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