Orthodoxe Textquellen und Zeugnisse in deutscher Übersetzung
Der Schmale Pfad der Rettung, wie ihn das orthodoxe Christentum versteht

 

Aus DER SCHMALE PFAD, Band 6:

Hl. Nikolaj Velimirović

Was schrieb Christus in den Staub?

Der all-liebende Herr saß einmal vor dem Tempel in Jerusalem und labte die hungrigen Herzen mit seinen tröstlichen Reden. Eine große Menge hatte sich um Ihn versammelt (Jh 8,2). Der Herr sprach zum Volk über ewige Seligkeit, über die niemals endende Freude der Gerechten in der ewigen Heimat in den Himmeln. Und die Menschen erfreuten sich an Seinen göttlichen Worten. Die Bitterkeit vieler enttäuschter Seelen und die Feindschaft vieler Gekränkter verschwand wie Schnee unter den hellen Strahlen der Sonne. Wer weiß, wie lange diese wundervolle Szene zwischen Himmel und Erde noch gewährt hätte, wäre nicht etwas Unerwartetes geschehen. Der Messias, der die Menschheit liebte, wurde niemals müde, die Menschen zu lehren, und die Frommen wurden niemals müde, auf solch heilende und wundervolle Worte zu hören.

Doch es geschah etwas Erschreckendes, Brutales und Grausames. Es ging von den Schriftgelehrten und Pharisäern aus – wie dies auch heute noch oft der Fall ist.

Was taten sie? Hatten sie vielleicht den Führer einer Räuberbande ergriffen? Nichts dergleichen. Sie brachten mit Gewalt eine unglückliche, sündige Frau herbei, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie brachten sie herbei mit triumphaler Prahlerei und grobem ohrenbetäubendem Geschrei. Sie stellten sie vor Christus und schrieen: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt. Moses hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Nun, was sagst Du? (Jh 8,4-5; vgl. Lev 20,10 und Deut 22,22).

Auf diese Weise wurde der Fall von Sündern vorgebracht, die die Sünden anderer denunzierten und damit geschickt ihre eigenen Mängel verbargen. Die erschrockene Menge wich zur Seite, machte Platz für die Ältesten. Einige flohen aus Furcht, denn der Herr hatte von Leben und Glückseligkeit gesprochen, während diese Schreihälse die Todesstrafe forderten.

Es ist wohl angebracht zu fragen, warum diese Ältesten und Gesetzeswächter die sündige Frau nicht selbst gesteinigt haben. Warum brachten sie sie zu Jesus? Das mosaische Gesetz gab ihnen das Recht, sie zu steinigen. Keiner hätte Einspruch erhoben. Wer protestiert denn heutzutage, wenn die Todesstrafe über einem Verbrecher verhängt wird? Warum brachten die jüdischen Ältesten diese sündige Frau zum Herrn? Nicht, um eine Umänderung ihres Urteils oder eine Begnadigung von Ihm zu erlangen! Alles andere – nur das nicht! Sie brachten sie her mit dem vorgefaßten, niederträchtigen Plan, den Herrn in Worten zu fangen, die im Gegensatz zum Gesetz stünden, so daß sie auch Ihn anklagen könnten. Sie hofften, mit einem einzigen Schlag zwei Leben zu zerstören – das der schuldigen Frau und Christi Leben. Was sagst Du? Warum fragten sie Ihn, wenn das mosaische Gesetz klar war? Der Evangelist erklärt ihre Absicht mit den folgenden Worten: Mit dieser Frage wollten sie Ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, Ihn zu verklagen (Jh 8,6). Sie hatten schon einmal ihre Hände vor Ihm erhoben, um Ihn zu steinigen, doch Er war ihnen entkommen. Jetzt aber hatten sie eine Gelegenheit gefunden, sich ihren Wunsch zu erfüllen. Und dort war es, vor dem Tempel von Jerusalem, wo die Tafeln des Gesetzes aufbewahrt worden waren in der Bundeslade, vor einer großen Menge an Menschen; dort war es, daß Christus etwas dem mosaischen Gesetz Entgegenstehendes sprechen sollte – dann hätten sie ihr Ziel erreicht. Sie hätten sowohl Christus als auch die sündige Frau zu Tode gesteinigt. Es lag ihnen viel mehr daran, Ihn zu steinigen als sie, genauso wie sie später mit größerem Eifer von Pilatus verlangten, den Räuber Barabbas an Christi Stelle freizulassen.

Alle Anwesenden erwarteten, daß entweder das eine oder das andere geschehen würde: Entweder würde der Herr in Seiner Barmherzigkeit die sündige Frau freigeben und dadurch das Gesetz verletzen; oder Er würde das Gesetz aufrechterhalten, indem er sagen würde: „Handelt, wie es im Gesetz geschrieben steht“ – und dadurch Sein eigenes Gebot der Barmherzigkeit und der liebenden Güte brechen. Im ersten Fall würde man Ihn zum Tode verurteilen; im zweiten Fall wäre er zum Gegenstand des Spottes und Hohnes geworden.

Als die Versucher die Frage stellten: Was sagst Du?, trat eine tödliche Stille ein; Stille in der versammelten Menge; Stille bei den Richtern der sündigen Frau; Stille mit angehaltenem Atem in der Seele der angeklagten Frau. Eine atemberaubende Stille tritt ein, wenn in einem großen Zirkus der Dompteur die zahmen Löwen und Tiger hereinführt und ihnen befiehlt, verschiedene Bewegungen zu vollführen, verschiedene Stellungen einzunehmen und Kunststücke auf sein Geheiß auszuführen. Doch wir sehen vor uns keinen Dompteur, der wilde Tiere dressiert, sondern Ihn, der die Menschen zähmt – eine Aufgabe, die viel schwieriger ist als die erstere. Denn es ist oft schwerer, jene zu zähmen, die wegen der Sünde wild geworden sind, als jene, die von Natur aus wild sind. Was sagst Du?, noch einmal drängten sie Ihn, vor Bosheit glühend, mit verzerrten Gesichtern.

Da beugte sich Der, welcher die Gesetze der Moral und des menschlichen Verhaltens erlassen hatte, zum Boden hinunter, glättete den Staub mit dem Handballen und begann zu schreiben (Jh 8,6). Was schrieb der Herr in den Staub? Der Evangelist bewahrt das Schweigen darüber und schreibt darüber nicht. Es war zu abstoßend und widerwärtig, um es im Buch der Freude niederzuschreiben. Trotzdem ist es in der Überlieferung erhalten geblieben, und es ist furchterregend. Der Herr schrieb etwas Unerwartetes und Erschreckendes für die Ältesten, die Ankläger der sündigen Frau. Mit Seinem Finger enthüllte er ihre innersten Geheimnisse. Denn jene, die so gern die Sünden anderer herausstellten, waren Fachleute darin, ihre eigenen Sünden zu verstecken. Doch es ist nutzlos zu versuchen, irgend etwas vor den Augen des Einen, der alles sieht, verbergen zu wollen.

„M(eshulam) hat Schätze aus dem Tempel gestohlen“, schrieb der Finger des Herrn in den Staub;
„A(scher) hat Ehebruch mit der Frau seines Bruders begangen;
S(halum) hat Meineid geleistet;
E(led) hat seinen eigenen Vater erschlagen;
A(marich) hat Sodomie begangen;
J(oel) hat Götzen angebetet.“

Und so wurde ein Satz nach dem anderen vom furchterregenden Finger des gerechten Richters in den Staub geschrieben, und jene, auf die sich diese Worte bezogen, beugten sich hinunter und lasen mit unaussprechlichem Grauen das Geschriebene. Sie zitterten vor Furcht und wagten nicht, einander in die Augen zu schauen. Sie verloren keinen weiteren Gedanken mehr an die sündige Frau. Sie dachten nur an sich selbst und an ihren eigenen Tod, der da im Staub geschrieben stand. Nicht eine einzige Zunge war in der Lage, sich zu bewegen, um diese lästige und bösartige Frage zu stellen: „Was sagst Du?“ Der Herr sagte nichts. Es ist angemessen, das, was so schmutzig ist, nur in den Staub zu schreiben. Ein weiterer Grund, warum der Herr auf den Boden schrieb, ist sogar noch größer und wunderbarer. Was in den Staub geschrieben wird, kann leicht ausgelöscht und entfernt werden. Christus wollte nicht, daß ihre Sünden für alle bekannt wurden. Hätte Er dies gewünscht, so hätte Er sie vor allem Volk offenbart und man hätte sie, entsprechend dem Gesetz, zu Tode gesteinigt. Doch Er, das unschuldige Lamm Gottes, zog jenen gegenüber keine Vergeltung in Betracht, die Ihm tausend Tode vorbereitet hatten, die sich Seinen Tod mehr als das ewige Leben für sich selbst wünschten. Der Herr wollte sie nur berichtigen; Er wollte sie dazu bringen, daß sie an sich selbst dachten und an ihre eigenen Sünden. Er wollte sie daran erinnern, daß sie, solange sie die Bürde ihrer eigenen Übertretungen trugen, keine strengen Richter der Übertretungen der anderen sein durften. Allein dies war der Wunsch des Herrn. Und als dies vollbracht war, wurde der Staub wieder geglättet, und das, was dort geschrieben stand, verschwand.

Danach erhob sich unser großer Herr und sagte freundlich zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein auf sie (Jh 8,7). Dies war, als ob jemand die Waffen seiner Feinde fortgenommen hat und ihnen dann sagt: „Jetzt schießt!“ Die einst hochmütigen Richter der sündigen Frau standen nun entwaffnet da – wie Verbrecher vor dem Richter, sprachlos und wie versteinert. Doch der gütige Herr bückte sich erneut zu Boden, und wieder schrieb Er (Jh 8,8). Was schrieb Er diesmal? Vielleicht schrieb Er ihre anderen geheimen Übertretungen, so daß sie ihre verschlossenen Lippen lange nicht mehr öffnen würden. Oder vielleicht schrieb Er, wie die Ältesten und Führer des Volkes zu sein hätten. Das ist für uns nicht wichtig zu wissen. Das Wichtigste ist hier, daß Er, indem Er auf den Boden schrieb, drei Ergebnisse erzielte. Erstens brach Er den Sturm, den die jüdischen Ältesten gegen ihn aufgebracht hatten und machte ihn zunichte; zweitens weckte Er ihr abgetötetes Gewissen in ihren verhärteten Seelen auf – wenn auch nur für kurze Zeit; und drittens rettete Er die sündige Frau vor dem Tode. Dies wird aus den Worten des Evangeliums deutlich: Als sie Seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand (Jh 8,9).

Plötzlich war der Platz vor dem Tempel leer. Keiner war geblieben bis auf jene beiden, die die Ältesten zum Tode verurteilt hatten – die sündige Frau und den Sündenlosen. Die Frau blieb stehen, während Er über den Boden gebückt blieb. Es herrschte tiefe Stille. Plötzlich richtete sich der Herr auf, schaute sich um, sah niemanden mehr außer der Frau und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt? Der Herr wußte, daß sie keiner verurteilt hatte, doch mit Seiner Frage hoffte Er, ihr Vertrauen einzuflößen, so daß sie in der Lage wäre, besser zu hören und zu verstehen, was Er ihr sagen wollte. Er verhielt sich wie ein erfahrener Arzt, der zuerst seinem Patienten Mut zuspricht und ihm dann erst die Arznei gibt. Hat dich keiner verurteilt? Die Frau erlangte die Sprache wieder und antwortete: Keiner, Herr. Diese Worte wurden von einem Mitleid erregenden Geschöpf gesprochen, das kurz zuvor keinerlei Hoffnung mehr gehabt hatte, noch jemals ein einziges Wort zu sprechen, ein Geschöpf, das höchstwahrscheinlich zum ersten Mal in seinem Leben einen Atemzug voll wahrer Freude empfand.

Schließlich sagte der Herr zur Frau: Auch Ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr (Jh 8,10-11). Wenn die Wölfe ihre Beute verschonen, dann möchte erst recht nicht der Hirte den Tod seines Schafes. Doch ist es wesentlich, sich bewußt zu sein, daß Christi Nicht-Richten viel mehr bedeutet als das Nicht-Richten der Menschen. Wenn dich die Menschen nicht wegen deiner Sünde verurteilen, bedeutet das, daß sie dir keine Strafe für deine Sünde auferlegen, sondern diese Sünde bei dir und in dir belassen. Wenn jedoch Gott nicht richtet, bedeutet das, daß Er dir deine Sünde vergibt, sie aus dir herauszieht wie Eiter und deine Seele rein macht. Aus diesem Grund bedeuten die Worte: Auch Ich verurteile dich nicht dasselbe wie „Deine Sünden sind dir vergeben; geh, Tochter, und sündige hinfort nicht mehr.“

Welche unaussprechliche Freude! Welche Freude der Wahrheit! Denn der Herr offenbarte die Wahrheit denen, die verloren waren. Welche Freude an der Gerechtigkeit! Denn der Herr schuf Gerechtigkeit. Welche Freude an der Barmherzigkeit! Denn der Herr zeigte Barmherzigkeit. Welche Freude am Leben! Denn der Herr bewahrte das Leben. Das ist das Evangelium Christi, das bedeutet: die Gute Nachricht; das ist die Freudige Botschaft, die Lehre der Freude. Dies ist eine Seite aus dem Buch der Freude.               

 

+++