Orthodoxe Textquellen und Zeugnisse in deutscher Übersetzung
Der Schmale Pfad der Rettung, wie ihn das orthodoxe Christentum versteht

 

Aus DER SCHMALE PFAD, Band 5:

Bischof Alexander (Mileant)

Die Bergpredigt

(1. Teil)

Die Predigt des Herrn auf dem Berg ist von außerordentlicher Bedeutung, da sie eine Verdichtung des gesamten Evangeliums darstellt und all das zusammenfaßt, was wichtig und wesentlich für jeden Christen ist, so daß er es kennt und danach handelt. Der Evangelist Matthäus zeichnete – wie es scheint – im 6. und 7. Kapitel seines Evangeliums die ganze Predigt auf, während der Evangelist Lukas einige Teile davon im 6. Kapitel seines Evangeliums wiedergibt. Der Herr hielt die Bergpredigt im ersten Jahr Seines öffentlichen Dienstes auf einem Hügel, der an der nördlichen Seite des Sees von Galiläa in der Nähe der Stadt Kapernaum liegt.

Der Herr beginnt die Bergpredigt mit den neun Seligpreisungen, die das neutestamentarische Gesetz der geistlichen Wiedergeburt entfalten. Dann spricht Er über den guten Einfluß, den die Christen auf die Umgebung ausüben, in der sie leben und über die Tatsache, daß Seine Lehren nicht die Gesetze des Alten Testaments aufheben, sondern sie eher vervollständigen. Der Herr lehrt uns, Bosheit zu überwinden, keusch zu sein, treu gegenüber dem gegebenen Wort zu bleiben, allen zu vergeben, sogar unsere Feinde zu lieben und nach Vollkommenheit schon in diesem Leben zu streben.

Im nächsten Teil Seiner Predigt lehrt der Erlöser, daß es notwendig sei, nach wahrer Gerechtigkeit zu streben, die im Herzen des Menschen zu finden ist, im Gegensatz zur protzigen judäischen Gerechtigkeit, wie sie zu jener Zeit vorherrschte. Durch Beispiele erklärt der Herr, wie man Barmherzigkeit zeigen, beten und fasten muß, um Gott zu gefallen. Überdies rät Er den Menschen, nicht Besitztümer zu horten, sondern auf Gott zu hoffen.

Im letzten Teil Seiner Predigt lehrt der Herr, daß es notwendig sei, andere nicht zu verurteilen, das Heilige vor der Entweihung zu bewahren und ausdauernd in guten Werken zu sein. Abschließend zeigt der Herr den Unterschied zwischen dem „breiten“ und dem „schmalen Weg“, warnt vor falschen Propheten und erklärt, wie wir uns stärken können, um die unvermeidlichen Prüfungen des Lebens zu überwinden.

Der Herr Jesus Christus charakterisiert die Lehre, die Er von Seinem Himmlischen Vater der Menschheit übermittelt hat, mit den Worten: Himmel und Erde werden vergehen, doch Meine Worte werden nicht vergehen (Mk 13,31). Wahrlich, die ewige, himmlische Wahrheit, welche nicht im Laufe der Zeit an Wert verliert und im gleichen Maße für die Menschen aller Völker und Kulturen anwendbar ist – sie wurde in der Bergpredigt gegeben. Die Lebensbedingungen und das moralische Verständnis des Menschen wandeln sich, doch die Gesetze Gottes sind unveränderlich. Aus diesem Grund sollten Christen, die nach dem ewigen Leben streben, an erster Stelle die ewigen Gesetze des Guten, die in der Bergpredigt dargelegt wurden, meistern und ihr Leben auf ihnen aufbauen. Wir wollen nun diese ewigen Gesetze erläutern.

Die Seligpreisungen – der Pfad zum Himmel

Die Bergpredigt beginnt mit den neun Seligpreisungen. Diese Gesetze ergänzen die Zehn Gebote des Alten Bundes, die Moses auf dem Berg Sinai gegeben wurden. Die Gesetze des Alten Testaments sprechen über das, was man nicht darf, und sie atmen eine gewisse Strenge. Die Gesetze des Neuen Testaments sprechen im Gegensatz dazu von dem, was man tun muß, und sie strömen Liebe aus. Die alten Zehn Gebote wurden auf steinernen Tafel niedergeschrieben, und man erfüllte sie mittels äußerer Erziehung. Die Gesetze des Neuen Testaments sind auch auf Tafeln geschrieben, doch vom Heiligen Geist auf den Tafeln eines gläubigen Herzens. Hier ist der Wortlaut dieser ewigen Gesetze (Mt 5,3-12):

Selig sind die Armen im Geiste; denn ihrer ist das Himmelreich.
Selig sind die Weinenden; denn sie werden getröstet werden.
Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich erben.
Selig sind, die da hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt werden.
Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.
Selig sind die Friedensstifter; denn sie werden Söhne Gottes heißen.
Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.
Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um Meinetwillen schmähen und verfolgen und alles Böse lügnerisch reden wider euch.
Freuet euch und jubelt, denn euer Lohn im Himmel wird groß sein.

Es ist bemerkenswert, daß jedes dieser neutestamentarischen Gesetze mit dem Wort „selig“ beginnt. Während das Gesetz des Alten Testaments auf dem Weg des Verbots und der Androhung von Strafe arbeitet, drängt das Neue Testament den Menschen dazu, ein gutes Leben zu führen, das aufwärts geleitet und in der niemals endenden Freude in Gott mündet.

Von der Zeit der ersten Sünde unserer Ureltern an haben wir Menschen sowohl das wahre Glücksempfinden als auch den korrekten Begriff davon verloren. Das Wort „Glück“ selbst schien wie ein unrealisierbarer Traum zu klingen, ein unerreichbares Ideal. Doch der Herr Jesus Christus bietet den Menschen das Glück als eine konkrete, erreichbare Wirklichkeit an. Und hierbei bezieht sich das Versprechen nicht nur auf ein himmlisches Leben in der Zukunft, sondern auf etwas, das sich auch schon hier zu verwirklichen beginnt, und zwar in dem Maße, wie der Mensch von der Bedrückung durch die Sünde frei wird, Frieden des Gewissens erlangt und würdig wird der Gnade des Heiligen Geistes. Genau dieser – der Heilige Geist – ist es, der dem Menschen solch unbeschreibliches Glück schenkt, das nicht mit irgendeinem weltlichen Genuß verglichen werden kann. Wenn wir die Heiligenleben lesen, sehen wir, daß wahre Christen bereit waren, jedes Opfer zu bringen, um die Gnade Gottes in sich zu stärken und zu bewahren.

Wenn wir tiefer in die Bedeutung der Seligpreisungen eintauchen, wird es offenkundig, daß sie in einer bestimmten Abfolge niedergelegt wurden. Sie zeigen dem Menschen den Weg zum wahren Glück und erklären, wie man auf diesem Weg reist. Man kann sie mit einer himmlischen Leiter oder einem Plan für ein harmonisches Haus der Tugenden vergleichen. Die Tatsache, daß jeder (ohne Ausnahme) von der Sünde beschädigt, und dadurch mittellos und erbärmlich ist, dient als Ausgangspunkt für die Seligpreisungen. Die Tragödie der Ursünde von Adam und Eva ist die Tragödie der ganzen Menschheit. Die Sünde verdunkelt den Geist, schwächt den Willen und nimmt ihn gefangen und macht das menschliche Herz eng durch Kummer und Verzweiflung. Aus diesem Grund fühlt sich jeder Sünde unglücklich, versteht aber zugleich nicht den Grund für sein Unglück. In seinen Leiden ist er bereit, jedem und den ganzen Lebensumständen die Schuld zu geben. Die erste Seligpreisung stellt die richtige Diagnose: der Grund für die Unzufriedenheit des Menschen ist seine geistliche Krankheit.

Der Herr Jesus Christus kam in die Welt, um den Menschen zu heilen. Er ruft alle auf, zu Gott umzukehren, in Sein Königreich der ewigen Freude einzugehen. Für die Menschen klingt der Ruf Christi wie die Stimme eines liebenden Vaters, der seinen verlorenen Sohn zur Rückkehr in sein Elternhaus ruft. Wenn ein Mensch zu Gott zurückkehrt, kommt er nicht mit Säcken voller Tugenden oder den Schätzen erworbener Talente zurück; er kommt verarmt wie der verlorene Sohn, der den Besitz seines Vaters vergeudet hat.

Die erste Seligpreisung ruft den Menschen auf, seine geistliche Krankheit zu verstehen und sich an Gott um Hilfe zu wenden. Der erste Schritt ist schwierig! Es ist nicht leicht, für den „verlorenen Sohn“ zur Besinnung zu kommen, seine Schuld und Hilflosigkeit zuzugeben und den Pfad der Rückkehr zu betreten. Aus diesem Grund ist schon eine große Belohnung den Menschen für ihre Willensanstrengung prophezeit, allein schon für den guten Anfang: Selig sind die Armen im Geiste; denn ihrer ist das Himmelreich. Es ist bemerkenswert, daß, während der Fall der Menschheit mit dem hochmütigen Wunsch begann, Gott gleich zu sein (der Betrüger versprach den Ureltern: „Ihr werdet sein wie Gott“, Gen 3,5), beginnt die Wiederaufrichtung des Menschen mit dem demütigen Bekenntnis seiner Hilflosigkeit.

Im Geiste arm zu sein, bedeutet nicht materielle Armut oder einen Mangel an spiritueller Begabung. Ganz im Gegenteil – jemand, der „arm im Geiste“ ist, kann sehr reich oder begabt sein. Geistliche Armut ist eine demütige Denkweise, die aus einem ehrlichen Bekenntnis der eigenen Hilflosigkeit herrührt. Doch christliche Demut ist nicht Verzweiflung oder Pessimismus. Im Gegenteil, sie ist erfüllt von Hoffnung auf Gottes Barmherzigkeit und auf die wirkliche Möglichkeit, besser zu werden. Sie ist durchdrungen mit der freudigen Erwartung, daß wir mit Seiner Hilfe tugendhafte und Ihm wohlgefällige Kinder werden.

Die Erkenntnis, die ein gläubiger Mensch über seine eigene Armut und Sündigkeit hat, kommt in einem reuigen Geisteszustand zum Ausdruck – in der Verurteilung der eigenen Vergangenheit und der Absicht, sich zu verändern. Wahre Reue, die oft von Tränen begleitet wird, besitzt große göttliche Kraft. Nachdem man sie erlangt hat, empfindet man große Leichtigkeit, als ob eine schwere Bürde von den Schultern genommen wäre. Die zweite Seligpreisung ruft uns zu solch aufrichtiger Reue, indem sie sagt: Selig sind die Weinenden; denn sie werden getröstet werden.

Wenn das Gewissen von Sünden gereinigt wird, breitet sich eine innere Harmonie aus im Menschen – eine völlige Ordnung in seinen Gedanken, Gefühlen und Wünschen. Die Reizbarkeit und Feindseligkeit, die er zuvor hatte, wird von einem Gefühl des Friedens und der stillen Freude abgelöst. Ein Mensch mit solch einer Haltung möchte nicht länger mit irgend jemandem streiten. Er wird es bevorzugen, eher einen Verlust in irgendeiner weltlichen Angelegenheit zu erleiden, als seinen geistlichen Frieden zu verlieren. So erhebt die Reue den Menschen auf die dritte Stufe der Tugend – Sanftmut: Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich erben.

Natürlich mißbrauchen manche Menschen die Sanftmut eines Christen. Sie schlagen ihren Vorteil daraus, ihn zu täuschen, zu berauben oder zu demütigen. Gott tröstet den Christen mit der Hoffnung, daß er im zukünftigen Leben viel mehr empfangen wird als er in diesem Leben durch die Intrigen unverschämter Leute verlieren kann. Wenn nicht immer in diesem Leben, so wird doch in der Zukunft zweifellos die Gerechtigkeit siegen, und die Sanftmütigen werden, wie versprochen, das „Erdreich“ erben – d. h. all die Segnungen der erneuerten Erde, auf welcher die Wahrheit regieren wird.

Somit legen die ersten drei Seligpreisungen, die zur demütigen Hinwendung zu Gott, zu Reue und Sanftmut auffordern, das Fundament, über dem sich das Haus der christlichen Tugenden erhebt.

Wie das Wiederkehren des Appetits bei einem Kranken als erstes Zeichen dafür dient, daß er zu gesunden beginnt, so ist der Wunsch nach Gerechtigkeit das erste Anzeichen dafür, daß ein Sünder anfängt zu genesen. Solange der Mensch in der Sünde ist, hungert er nach Besitz, Geld, Ehren und körperlichen Genüssen. Nie zieht er geistlichen Reichtum in Erwägung oder verachtet ihn sogar. Doch wenn die Seele von den Illusionen der Sünde frei wird, beginnt sie sich nach geistlicher Vollkommenheit zu sehnen. Die vierte Seligpreisung beschreibt dieses Streben nach Gerechtigkeit: Selig sind, die da hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt werden.

Der Wunsch nach Gerechtigkeit kann als nächste Phase im Aufbau des Hauses der Tugenden verstanden werden – die Errichtung der Wände. Indem der Herr hier die Worte „Hunger und Durst“ verwendet, teilt er uns mit, daß der Wunsch nach Gerechtigkeit nicht lauwarm oder passiv sein sollte, sondern im Gegenteil – energisch und aktiv. Ein hungriger Mensch stellt sich nicht nur Speise vor, sondern er verwendet all seine Energie, um seinen Hunger zu stillen. Nur wenn man sich aktiv danach sehnt, kann man Gerechtigkeit erlangen, oder, wie es in der Seligpreisung beschrieben ist: „gesättigt werden“.

Wer die vierte Stufe der Tugend erreicht, besitzt schon ein gewisses Maß an geistlicher Erfahrung. Wenn er von Gott die Vergebung seiner Sünden erlangt hat, den Frieden der Seele und die Freude darüber, adoptiert zu sein, fühlt der Christ nun Seine große Liebe zu Ihm. Diese Liebe erwärmt sein Herz, und dort, im Herzen, erhebt sich nun die Liebe zu Gott als Antwort auf Seine Liebe und Mitgefühl für andere Menschen. Mit anderen Worten, er wird freundlich und dankbar, und mit diesen Eigenschaften schreitet er nun zur fünften Stufe der Tugend voran – zur Barmherzigkeit: Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.

Die Seligpreisung über Barmherzigkeit ist sehr ausgedehnt! Barmherzigkeit ist nicht allein auf materielle Hilfe beschränkt; sie muß sich darin ausdrücken, daß man Verletzungen vergibt, Kranke besucht, die Leidenden tröstet, freundlichen Rat gibt und einfühlsame Worte findet, für andere betet, und auf vielen anderen Wegen. Buchstäblich jeder Tag bietet uns viele Gelegenheiten, unseren Nächsten zu helfen. Größtenteils sind sie eine Kette von kaum bemerkbaren und „unbedeutenden“ Ereignissen. Doch die geistliche Weisheit eines Christen besteht darin, die Unterscheidung zu besitzen, nicht die kleinen guten Taten um der vermeintlich „großen“ – zukünftigen – Taten willen zu verschmähen. Große Pläne bleiben üblicherweise unverwirklicht, während kleine gute Taten sich durch ihre große Zahl zu einem beachtlichen geistlichen Kapital am Ende des Lebens summieren.

Tätige Liebe reinigt die Tiefen des menschlichen Herzens von Stolz und bringt den Menschen so viel näher zu Gott, daß seine ganze Seele im geistlichen Licht verklärt wird. Der Mensch beginnt das Wehen der Gnade wahrzunehmen; er beginnt schon in diesem Leben Gott sozusagen mit seinen geistlichen Augen zu sehen. Hierin kann die Seele eines solchen Christen mit einem See verglichen werden, der im Laufe vieler Jahre von Unkraut überwuchert, schaumig und schlammig geworden war, später aber gesäubert wurde und sich so völlig veränderte, so daß die Lichtstrahlen tief in das kristallklare Wasser eindringen können.

Die sechste Seligpreisung spricht über Menschen, die ein solches Niveau der geistlichen Reinheit erreicht haben: Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen. Beispiele solcher geistlichen Reinheit, die in Hellsichtigkeit übergeht, waren solch gerechte Heilige wie der hl. Seraphim von Sarov, der hl. Johannes von Kronstadt, die Starzen von Optina und viele andere Heilige der Orthodoxen Kirche.

Gott macht solche Gerechten zu Werkzeugen Seiner Vorsehung, er benutzt sie zur Rettung anderer. Zu diesem Ziel gibt er ihnen Weisheit und besonders geistliche Empfindlichkeit. In ihrer Berufung, anderen auf den Pfad der Rettung zu bekehren, beginnen diese Gerechten dem Sohn Gottes zu ähneln, der in die Welt kam, um Sünder mit Gott zu versöhnen. Die siebte Seligpreisung spricht über solche geistlichen Friedensstifter: Selig sind die Friedensstifter; denn sie werden Söhne Gottes heißen. Natürlich sollten alle Menschen versuchen, Frieden zu stiften in ihrem eigenen Familienkreis und unter ihren Freunden, doch die höhere Form dieser Tugend erfordert eine besondere Gabe von oben, die denen gegeben wird, welche ein reines Herz besitzen.

Um dem Sohn Gottes in guten Taten zu gleichen, muß der Christ sich vorbereiten, Ihn in der Langmut nachzuahmen. Die letzten beiden Seligpreisungen sprechen über die traurige Tatsache, daß die Welt „im argen liegt“, wahre Gerechtigkeit nicht ertragen kann und gegen ihre Träger revoltiert: Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich. Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um Meinetwillen schmähen und verfolgen und alles Böse lügnerisch reden wider euch. Genauso wie das Licht, das die Dunkelheit vertreibt, die Dinge so zeigt, wie sie wirklich sind, so offenbart das tugendhafte Leben eines wahren Christen die moralische Häßlichkeit der Sünder. Daraus entsteht Neid auf Seiten der Sünder gegenüber den Gerechten; sie wünschen, sich zu rächen, weil ihr Gewissen sie tadelt. Diese Feindseligkeit gegenüber den Gerechten findet man im Verlauf der ganzen Gesichte, angefangen mit dem Bericht über Kain und Abel bis hin zur modernen Verfolgung der Gläubigen in den kommunistischen Ländern.

Menschen schwachen Glaubens schämen sich zu zeigen, daß sie gläubig sind. Sie haben Angst, verfolgt zu werden wegen ihrer religiösen Überzeugungen. Doch wahrhaft Gerechte und Märtyrer empfingen voller Freude Leiden um Christi willen, denn ihre Herzen brannten in der Liebe zu Gott. Sie hielten sich sogar für glücklich, daß sie gewürdigt wurden, für ihren Glauben zu leiden. In den Tagen der Erprobungen, sollte ein Christ sich an ihr Vorbild erinnern und sich mit den Worten trösten: Freuet euch und jubelt, denn euer Lohn ist groß im Himmel. Denn je größer die Liebe ist, desto größer ist die Belohnung.

Wenn wir die letzten fünf Seligpreisungen zusammenfassen, sehen wir, daß sie uns alle zur Liebe aufrufen. Die anfängliche Form der Liebe besteht in Barmherzigkeit gegenüber anderen. Geistliches Friedensstiften ist eine höhere Form der Liebe; für ihren Erfolg sind Reinheit des Herzens und Einsicht von Gott erforderlich. Unter Spott und Verfolgung Gott gegenüber treu zu bleiben und das eigene Leben freiwillig um Christi Namen willen hinzugeben, ist der höchste Ausdruck der Liebe zu Gott. Auf diese Weise skizzieren die letzten fünf Seligpreisungen, die den Christen immer vollkommenere Formen der Liebe zeigen, einen Plan für die oberen Kuppeln des Tempels der Tugend.

Abschließend ist es notwendig zu sagen, daß ein Christ, der zur Liebe hin strebt, in diesem Prozeß nicht das Fundament vergessen und ignorieren darf, auf dem das Haus der Tugenden steht: nämlich Demut, die Reinigung seines Gewissens und Sanftmut. Denn wenn sein geistliches Fundament schwach und brüchig zu werden beginnt, kann das ganze Gebäude zusammenstürzen. Der Herr wird über diese Gefahr im letzten Teil Seiner Predigt sprechen. Die nächsten Abschnitte der Bergpredigt kann man als weitere Entfaltungen der geistlichen Prinzipien betrachten, die in den Seligpreisungen gegeben wurden.

Christen – das Licht der Welt

hr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz seinen Geschmack verliert, womit soll man es salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als daß man es wegschüttet und läßt es von den Leuten zertreten. Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein. Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind. So laßt euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen. (Mt 5,13-16)

Nachdem Christus die Seligpreisungen mit einer Warnung bezüglich der möglichen Verfolgungen, die um des Glaubens willen zu erdulden sind, abgeschlossen hat, zeigt Er nun, wie teuer Ihm und wie kostbar für die Welt die wahren Christen sind: Ihr seid das Salz der Erde ... Ihr seid das Licht der Welt. In alten Zeiten war das Salz sehr teuer, und man benutzte es sogar anstelle des Geldes. Als es noch keine Kühlgeräte gab, wurde Salz auch benutzt, um die Nahrung vor dem Verderben zu schützen. So bewahren die Christen die Gesellschaft wie Salz vor dem moralischen Verfall. Sie bilden darin die Ansatzpunkte zur Verbesserung der geistlichen Gesundheit.

Im Ausdruck Licht der Welt bezieht sicht das Wort „Licht“ in seiner ursprünglichen Bedeutung auf Jesus Christus Selbst, der jeden Menschen erleuchtet, der in die Welt kommt. Doch die Gläubigen können, insofern sie Seine Vollkommenheit widerspiegeln, im gewissen Maße auch „Licht“ – oder Strahlen der Sonne – genannt werden. Das bedeutet nicht, daß sie ihre Werke zur Schau stellen sollten. (Das Vollbringen guter Werke „im verborgenen“ wird im nächsten Teil der Bergpredigt diskutiert werden.) Die vorliegende Passage veranschaulicht die Tatsache, daß ihr tugendhaftes Leben – wie eine Kerze, die auf einem Leuchter brennt oder wie eine Stadt, die auf einem Hügel liegt – nicht verborgen bleiben kann, sondern einen guten Einfluß auf die gesellschaftliche Umgebung ausübt. Tatsächlich unterstützte das gute Beispiel der Christen die Verbreitung des Christentums und das Ablegen roher, barbarischer Bräuche.

Stets wird ein Mensch hochgeschätzt, der seine Arbeit kennt und liebt. Ganz gleich, welchen Beruf er ausübt – wenn er ihn gut beherrscht und ehrlich arbeitet, wird er von der Gesellschaft gebraucht und erlangt Achtung. Auf ähnliche Weise erwartet man eine christliche Lebensweise von einem Christen. Man möchte in ihm ein Vorbild für ungeheuchelten Glauben, Ehrlichkeit, eine geistliche Haltung und Liebe sehen. Auf der anderen Seite gibt es nichts Traurigeres als einen Christen zu sehen, der nur für weltliche, sterbliche Interessen lebt. Der Herr verglich solch einen Menschen mit Salz, das seinen Geschmack verloren hat. Dieses Salz taugt für nichts mehr, sondern man wirft es fort und läßt es von den Menschen zertreten.

Zwei Maßstäbe der Gerechtigkeit – im Alten und im Neuen Bund

Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzulösen. Ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. Amen, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird auch nicht ein Jota oder ein Tüpfelchen des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist. Wer auch nur eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und die Menschen solches lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber vollbringt und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich. Darum sage Ich euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen. (Mt 5,17-20)

Dieser folgende Abschnitt der Bergpredigt, der sich bis zum Ende des 5. Kapitels des Matthäus-Evangeliums erstreckt, ist der Erklärung dessen gewidmet, was wahre Liebe ist. Zur Verdeutlichung vergleicht der Herr Seine Lehre mit den damals verbreiteten religiösen Ansichten unter den Juden. Die Juden, daran gewöhnt, detaillierte Diskussionen über Riten und Gebräuche von den Lippen ihrer Gesetzeslehrer zu hören, hatten vielleicht gedacht, Jesus Christus würde einen neuen Glauben im Gegensatz zu mosaischen Gesetz verkündigen. Der Herr erklärt aber im weiteren Verlauf Seiner Predigt, daß Er nicht eine neue Lehre verkündet, sondern eine viel tiefere Bedeutung der schon bekannten Gesetze offenbart.

Da die Gesetze des Alten Testaments nicht die gesegnete wieder-herstellende Kraft besitzen, können sie den Menschen nicht zur Vollkommenheit führen. Sie können nicht den Menschen darin unterstützen, das Böse in sich selbst zu überwinden, sondern sie lenken die Aufmerksamkeit hauptsächlich auf die äußeren Handlungen. Zugleich hatte das Gesetz des Alten Testaments einen negativen Charakter: „Du sollst nicht töten. Du sollst nicht die Ehe brechen. Du sollst nicht stehlen...“ Das Gesetz des Alten Testaments hatte nicht die Macht, die spirituelle Natur des Menschen zu erneuern. Der Begriff der Gerechtigkeit war in jener Zeit vereinfacht. Man hielt einen Menschen für gerecht, wenn er nicht grobe oder offensichtliche Verbrechen beging und die vorgeschriebenen Ritualgesetze einhielt; die Schriftgelehrten und Pharisäer brüsteten sich ihrer gründlichen Kenntnis aller Ritualgesetze.

Es ist bekannt, daß eine wildwachsende und schädliche Pflanze nur dann beseitigt werden kann, wenn man ihre Wurzeln entfernt, denn solange die Wurzeln unberührt bleiben, verlangsamt das Abschneiden ihrer Zweige nur zeitweilig ihre Ausbreitung. Genauso ist die Sünde unvermeidlich, solange eine Leidenschaft noch im Menschen festsitzt. Daher kam der Herr in die Welt, um die eigentlichen Wurzeln der Sünde im Menschen zu zerstören und in ihm das Bildnis Gottes wiederaufzurichten, das überlagert wurde. Im Neuen Bund erscheint die äußerliche und potentiell selbstgerechte Ausführung der Anweisungen des Gesetzes unangemessen, denn Gott verlangt Liebe aus einem reinen Herzen.

 Der Herr Jesus Christus zielt auf diese Angelegenheit, wenn Er zu den Juden spricht: Denkt nicht, Ich sei gekommen, um das Gesetz oder die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen aufzuheben, sondern zu erfüllen (Mt 5,17). Daraufhin zeigt der Herr in metaphorischen Vergleichen, worin die „Erfüllung“ oder wahre Durchführung des Gesetzes besteht. Der Herr verweilt bei jenen Gesetzen, die den Mord verbieten und die Verletzung der ehelichen Treue und gleichfalls bei der Tatsache, daß die Juden das Schwören, die Rache und den Haß gegenüber den Feinden für zulässig hielten. Der Herr zeigt ihnen die Überlegenheit der vollkommenen christlichen Liebe.

Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt ist: „Du sollst nicht töten“; wer aber tötet, der soll des Gerichts schuldig sein. Ich aber sage euch: Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig; wer aber zu seinem Bruder sagt: Du Nichtsnutz!, der ist des Hohen Rats schuldig; wer aber sagt: Du Narr!, der ist des höllischen Feuers schuldig. (Mt 5,21-22). Das sechste Gebot des mosaischen Gesetzes verbot, einem Menschen das Leben zu nehmen. Der Herr faßt den Gedanken des sechsten Gebots tiefer und wendet die Aufmerksamkeit den bösen Gefühlen zu, die den Menschen zum Mord drängen – Gefühle wie Zorn, Boshaftigkeit und Haß. In ihrem Wesen drängen diese unfreundlichen Gefühle den Menschen dazu, seinen Mitmenschen zu verletzen und herabzuwürdigen. Ein Christ sollte sich vor jedem Ausdruck von Bosheit – wie Kränkungen und demütigende Worte – gegenüber seinem Mitmenschen hüten.

Damit wir keine Bosheit in unseren Herzen hegen, ruft uns der Herr auf, zu vergeben und zur Versöhnung mit jenen, die uns kränken, zu eilen: Darum: wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und dort kommt dir in den Sinn, daß dein Bruder etwas gegen dich hat, so laß dort vor dem Altar deine Gabe und geh zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder und dann komm und opfere deine Gabe. Schließ ohne Zögern Frieden mit deinem Gegner, solange du mit ihm noch auf dem Weg zum Gericht bist. Sonst wird dich dein Gegner vor den Richter bringen, und der Richter wird dich dem Gerichtsdiener übergeben, und du wirst ins Gefängnis geworfen. Amen, ich sage dir: Du kommst von dort nicht heraus, bis du den letzten Pfennig bezahlt hast. (Mt 5,23-26).

Der Herr hält inne beim siebten Gebot des Alten Testaments, welches lautet: „Du sollst nicht die Ehe brechen.“ Er lenkt die Aufmerksamkeit auf jene unreinen Gefühle, aus denen eheliche Untreue und andere körperliche Sünden erwachsen: Ich aber sage euch: Wer eine Frau ansieht, ihrer zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen (Mt 5,27-28). Mit anderen Worten: Die Sünde des Ehebruchs oder der Ausschweifung entsteht im Herzen des Menschen. Aus diesem Grund muß jede sündige Begierde schon an der Wurzel gekappt werden, so daß ihr nicht die Möglichkeit gegeben wird, unsere Gedanken und unseren Willen zu beherrschen.

Der Herr, der das Herz der Menschen sieht, weiß, wie schwierig es für den Menschen ist, mit fleischlichen Versuchungen zu kämpfen. Aus diesem Grund lehrt er uns, entschlossen und mitleidlos sich selbst gegenüber vorzugehen, wenn wir sehen, daß jemand oder etwas uns zur Sünde verführt. Wenn dich aber dein rechtes Auge zum Abfall verführt, so reiße es aus und wirf es weg! Denn es ist besser für dich, daß eines deiner Glieder verlorengeht, als daß dein ganzer Leib in die Hölle geworfen wird (Mt 5,29). Dies ist natürlich metaphorische Rede. Auf folgende Weise läßt sich ihr Inhalt umschreiben: Wenn jemand (oder etwas) dir so lieb ist wie dein eigenes Auge oder deine Hand, dich aber in Versuchung führt, befreie dich davon mit Entschiedenheit und brich alle Verbindungen mit dem Verführer oder dem, was dich verführt, ab. Es ist besser, eine Freundschaft zu verlieren als des ewigen Lebens verlustig zu gehen.

Nachdem der Herr erklärt hat, wie man sündige Begierden bekämpft, spricht Er über die Unauflöslichkeit der Ehe. Später kommt Er auf diesen Punkt in der Diskussion mit den Pharisäern zurück und erklärt, daß sich ein Mysterium Gottes in der Ehe erfüllt, in der zwei – Mann und Frau – zusammen ein Fleisch werden. Daher: Was nun Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden (Mt 19,6). Mit anderen Worten, es hat keiner das Recht, eine Scheidung zwischen zwei Menschen zu gewähren. Wenn einmal die Versprechen gegeben wurden, ist die eheliche Verbindung geschlossen. Dann müssen die Ehepartner einen gemeinsamen Boden finden und ihre Unterschiede aufarbeiten.

Der Herr kehrt dann auf das Thema „Zorn“ zurück. Er spricht über eine der Erscheinungsformen dieser Leidenschaft, Rache, welche die Juden gesetzlich gemacht hatten. Um sie zu überwinden, gibt der Herr den Christen die Waffe der Liebe, indem Er sagt:

Ihr habt gehört, daß gesagt ist: „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ Ich aber sage euch, daß ihr nicht widerstreben sollt dem Bösen, sondern: Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin. Und wenn dich einer vor Gericht bringen will, um dir das Hemd wegzunehmen, dann laß ihm auch den Mantel. Und wenn dich einer zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm. Wer dich bittet, dem gib, und wer von dir borgen will, den weise nicht ab. Ihr habt gehört, daß gesagt ist: „Du sollst deinen Nächsten lieben“ und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn Er läßt Seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten und läßt regnen über Gerechten und Ungerechten. Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden? Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist. (Mt 5,38-48).

Während das Alte Testament Rache zuließ, versuchte es diese allerdings in der Tat zu beschränken. Im Fall dessen, daß jemand willentlich oder zufällig jemand anderem leiblichen Schaden zugefügt hat, gestattete das Gesetz nicht, daß der Geschädigte demjenigen, der ihm Schaden zugefügt hatte, unbeschränkt vergalt. Das Gesetz versuchte, die Vergeltung darauf zu beschränken, „auf dieselbe Art“ zu vergelten: für ein verlorenes Auge – ein Auge; für einen Zahn – ein Zahn; und so weiter. Zur Zeit von Moses war das Gesetz sehr zeitgemäß, denn ohne es überstieg die Vergeltung alle Grenzen; der Mensch, der versehentlich jemandem einen Verlust oder eine Verletzung zugefügt hatte, befand sich in Gefahr, von Seiten der erzürnten Partei jegliche Art von Ungerechtigkeit zu erleiden. Die Begrenzung der Vergeltung löste jedoch nicht das Hauptproblem: das völlige Ausrotten der Feinseligkeit zwischen Menschen.

Der Herr gibt uns die Möglichkeit, die Feindseligkeit gleich zu Beginn auszurotten. Zu diesem Ziel befiehlt Er uns, denjenigen, die uns verletzen, zu vergeben und darauf zu verzichten, mit Menschen über weltliche Dinge zu streiten: Widerstrebt nicht dem Bösen, sondern: Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin. So wie Feuer nicht durch Feuer ausgelöscht werden kann, kann man den Zorn nicht durch Rache auslöschen. Die einzige Waffe gegen das Böse ist die Liebe. Vielleicht kommt der Mitmensch nicht sofort zur Besinnung durch unser Zugeständnis. Wir haben uns materiell ergeben, sind aber spirituell siegreich. Für diesen Sieg müssen wir Gott danken – es ist ein ewiger Sieg.

Natürlich lehrte uns Christus mit den Worten „Widerstrebt nicht dem Bösen“ nicht, uns dem Bösen zu unterwerfen, sein Bürgerrecht zu akzeptieren – wie Leo Tolstoi so schlau diese Worte Christi mißinterpretiert. Hier verbietet der Herr nur, aus persönlichen Motiven alte Rechnungen zu begleichen. In Fällen, in denen die Gesetze direkt verletzt werden und insbesondere, wenn eine Versuchung für die Gläubigen daraus erwächst, befiehlt uns der Herr, das Böse zu bekämpfen: Wenn dein Bruder (an dir) sündigt, dann geh zu ihm und weise ihn unter vier Augen zurecht. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen. Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei Männer ... [als] Zeugen mit. Hört er auch auf sie nicht, dann sag es der Gemeinde. Hört er auch nicht auf die Gemeinde, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner (Mt 18,15-17). Das bedeutet, daß man versuchen muß, einem Sünder seinen Irrtum verständlich zu machen. Wenn aber diese Person so taub in ihrer Sünde ist, daß sie auf keine Ermahnungen hört, dann muß man mit ihr jeden Kontakt abbrechen. Der Herr gibt der Kirche keine anderen Waffen gegen die Rebellischen als Bann und Exkommunikation.

Zum Abschluß Seiner Unterweisung über das Überwinden aller Feindseligkeit und Vergeltungssucht zeigt uns der Herr, was der höchste Ausdruck von Liebe ist. Auch im Gesetz des Alten Testaments findet sich ein Verständnis für Liebe, doch es ist auf die Beziehung mit Nahestehenden beschränkt (Lev 19,17-18). Die Schrift-gelehrten ergänzten das Gebot, die Nahestehenden zu lieben listig mit der Erlaubnis, jene zu hassen, die einem nicht nahe sind, besonders die Feinde. Der Herr erklärt, daß Liebe gegenüber denjenigen, die einem nahe sind, so elementar ist, daß sogar Sünder ihrer fähig sind. Von einem Christen wird eine vollkommenere Liebe erwartet, und der Herr sagt: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn Er läßt Seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten und läßt regnen über Gerechten und Ungerechten (Mt 5,43-45).

Auf diese Weise sehen wir, wie der Herr, während Er uns lehrt, alle Formen von Zorn zu überwinden, die Gedanken des Menschen allmählich höher und höher bis zur Nachahmung der unbegrenzten Liebe des Himmlischen Vaters aufsteigen läßt. Liebe hat viele Formen und Ausdrucksweisen. Der elementarste Ausdruck von Liebe ist, Haß zwischen Menschen zu verhüten, dann – den Wunsch nach Rache zu überwinden und sich zu bemühen, jenen zu vergeben, die uns verletzten. Später erscheinen höhere Formen der Liebe, wie sanftmütige Geduld, die von Menschen verursachte Unannehmlichkeiten erträgt, und jenen zu helfen, die wir nicht mögen. Schließlich werden wir hinaufgeführt zu den höchsten Formen der Liebe: dem Empfinden von Sympathie gegenüber unseren Feinden, Liebe ihnen gegenüber, Gebet für sie und ihnen Gutes zu wünschen. Ein Beispiel solch vollkommener Liebe zeigte der Herr Jesus Christus Selbst, als Er für Seine Verfolger am Kreuz betete.

Auf diese Weise erhebt der Herr die Christen auf den Gipfel der Gerechtigkeit: Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist (Mt 5,48). Hier ist das Ideal, hier ist das höchste Ziel eines Christen: Seinem Himmlischen Vater zu ähneln! Zu-gleich muß sich der Christ daran erinnern, daß er sich zur Vollkommenheit nicht allein durch seine eigenen Bemühungen erheben kann, sondern hauptsächlich durch das Mitwirken der Gnade des Heiligen Geistes.

Harmonie zwischen dem Äußeren und dem Inneren

Hütet euch, eure Gerechtigkeit vor den Menschen zur Schau zu stellen; sonst habt ihr keinen Lohn von eurem Vater im Himmel zu erwarten. Wenn du Almosen gibst, laß es also nicht vor dir herposaunen, wie es die Heuchler in den Synagogen und auf den Gassen tun, um von den Leuten gelobt zu werden. Amen, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten. Wenn du Almosen gibst, soll deine linke Hand nicht wissen, was deine rechte tut. Dein Almosen soll verborgen bleiben, und dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten. Wenn ihr betet, macht es nicht wie die Heuchler. Sie stellen sich beim Gebet gern in die Synagogen und an die Straßenecken, damit sie von den Leuten gesehen werden. Amen, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten. Du aber geh in deine Kammer, wenn du betest, und schließ die Tür zu; dann bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist. Dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten. Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden, die meinen, sie werden nur erhört, wenn sie viele Worte machen. Macht es nicht wie sie; denn euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet. (Mt 6,1-8)

Der Herr will, daß der Mensch das Gute selbstlos tut – aus dem Wunsch, Gott zu gefallen oder seinem Nächsten zu helfen, nicht um des persönlichen Gewinns willen oder um gelobt zu werden. Der Herr will, daß sogar die Absicht des Menschen so tadellos sei wie seine Worte und Taten. Während der Zeit des irdischen Lebens des Erlösers, wurde Tugendhaftigkeit hoch geachtet, und die Juden wetteiferten oft miteinander, wer häufiger und länger betete, wer strikter fastete, oder wer reichlicher Almosen gab. Manchmal wurden in diesem Wettkampf – besonders unter den Schriftgelehrten und Pharisäern, gute Taten zu einem Mittel der Ruhmsucht. Solch eine utilitaristische Herangehensweise an die Religion führte zur Heuchelei und Selbstgerechtigkeit. So blieb nur der äußere Schein guter Taten übrig – eine Schale ohne Inhalt. Der Herr warnte Seine Anhänger vor veräußerlichter, für den „Export“ bestimmter Gerechtigkeit, und ruft uns dazu auf, Gott mit einem reinen Herzen zu dienen.

Indem Er Beispiele guter Taten zeigt, lehrt uns der Herr, wie man betet und Almosen gibt, so daß unsere guten Taten von Gott akzeptiert werden: Hütet euch, eure Gerechtigkeit vor den Menschen zur Schau zu stellen; sonst habt ihr keinen Lohn von eurem Vater im Himmel zu erwarten (Mt 6,1). In diesen und ähnlichen Sätzen lenkt der Herr die Aufmerksamkeit auf die Absicht, mit der wir ein gutes Werk beginnen. Gute Taten, „im verborgenen“ vollbracht, d. h. nicht als Show, sondern für Gott, verdienen Lohn von Ihm. Hier sollte angemerkt werden, daß das Gesetz, „im verborgenen zu beten“ natürlich nicht das gemeinschaftliche Gebet aufhebt; der Herr fordert auch zu gemeinschaftlichem Gebet auf, indem Er sagt: Wo zwei oder drei versammelt sind, um zusammen in Meinem Namen zu beten, da bin Ich mitten unter ihnen (Mt 18,20).

Das Gebot, unnötige Worte zu vermeiden, lehrt uns, das Gebet nicht als eine Art von Beschwörung zu sehen, deren Erfolg von der Anzahl der Worte abhängt. Die Kraft des Gebets ist in der Aufrichtigkeit des Gebets und des Glaubens enthalten, mit der sich der Mensch Gott zuwendet. Langanhaltendes Gebet wird jedoch nicht verboten, sondern im Gegenteil angeraten: Der Grund dazu liegt darin, daß, je länger der Mensch betet, desto länger er mit Gott verbunden ist. Der Herr Jesus Christus Selbst verbrachte oft ganze Nächte im Gebet.

Man muß unbedingt die Tatsache beachten, daß der Herr über das Fasten genauso detailliert spricht wie über das Gebet und Almosengeben. Das Fasten ist daher notwendig. Unglücklicherweise miß-achten moderne Christen diese Mühe der Enthaltsamkeit, um ihrem sündeliebenden Fleisch gefällig zu sein. Sie lieben es, die Worte zu zitieren: Nicht das, was durch den Mund in den Menschen hineinkommt, macht ihn unrein, sondern was aus dem Mund des Menschen herauskommt, das macht ihn unrein (Mt 15,11). Zugleich ist es aber unmöglich, das Herz zu erneuern, ohne den Bauch und die körperlichen Begierden einzuschränken. Aus diesem Grund kann man andere Tugenden wie Gebet und Mitgefühl nicht auf angemessene Weise entwickeln, ohne die Enthaltsamkeit zu meistern.

Natürlich leben wir jetzt unter völlig anderen Umständen und moralischen Standards. Es ist unwahrscheinlich, daß man heutzutage für seine Mühen des Fastens oder Gebets gerühmt wird – weit eher wird man Gelächter dafür ernten, so exzentrisch zu sein. So kann es sein, daß der Christ aus diesem Grund seine Tugenden verbergen muß. Aber dies bedeutet nicht, daß die Heuchelei heutzutage nicht mehr existiert. Sie hat nur andere Formen angenommen. Nun verhüllt sie sich in den Formen betroffener Höflichkeit und unaufrichtiger Komplimente. Oftmals verstecken sich Verachtung und Bosheit hinter süßen Worten und Lächeln. Vor den Augen wird man gelobt, doch hinter dem Rücken schlechtgemacht. Auf diese Weise bleibt nur der traurige Anschein des christlichen Wohlwollens und der Liebe. Auch dies ist Heuchelei, doch in einem anderen Gewand. Somit richten sich Christi Lehren über die Unaufrichtigkeit gegen alle Formen von Heuchelei – sowohl gegen die alten als auch gegen die modernen.

 

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