Orthodoxe Textquellen und Zeugnisse in deutscher Übersetzung
Der Schmale Pfad der Rettung, wie ihn das orthodoxe Christentum versteht

 

Aus DER SCHMALE PFAD, Band 4:

Hl. Innokentij (Veniaminov)

Das wahre Glück des Menschen

(Unterweisungen für Fastende, 1. Teil)

Wenn jemand nicht von neuem (von oben)
geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.

(Jh 3,5)

Wozu ist der Mensch geschaffen? Wofür leben wir in der Welt? Das ist eine wichtige Frage, die wir uns häufiger stellen sollten! Sind wir denn nur deshalb in der Welt, um geboren zu werden, einige Zeit zu leben und dann zu sterben – ähnlich der übrigen Tiere? Sind wir wirklich dazu geschaffen, unser ganzes Leben lang in Sorgen und Scherereien zu verbringen, suchend, geplagt, leidend – und dann zu verschwinden?

Nein! Wir sind zur Seligkeit geschaffen.

Die Sehnsucht nach der Seligkeit ist ein unauslöschliches und nicht zu unterdrückendes Empfinden im Menschen, und deshalb sehen wir: Jeder Mensch – der kluge wie der beschränkte, der unzivilisierte wie der aufgeklärte, der alte wie der junge –, sie alle und jeder einzelne wollen für sich das Gute, verlangen danach, besser zu leben, streben nach Wohlergehen. Und obgleich nicht alle dasselbe suchen und nicht alle ein und dasselbe als das höchste Gut anstreben, so gibt es doch keinen einzigen Menschen in der Welt, der sich nicht zumindest Wohlergehen – wie er es versteht und was er dafür hält – wünschte. So möchte der Unzivilisierte satt und zufrieden sein und das besitzen, was ihm gefällt. So möchte der Arme reich sein, der Reiche möchte in Ruhm und Ehren sein, der Mensch in Rang und Würden möchte berühmt sein und so weiter. Kurz gesagt, alle möchten glücklich und selig gemäß dem eigenen Verständnis sein. Dies ist natürlich, so muß es auch sein. Ein Mensch, der sich nicht wünscht, daß es ihm wohlergehe, ist kein Mensch.

Worin aber besteht unser Wohlergehen? Worin liegt unser Glück beschlossen? Wonach müssen wir streben, um die Seligkeit zu erlangen – um Reichtum etwa, um Ehren, um Vergnügen oder um etwas anderes in der Welt? Nein! Dies alles ist leer und nichtig, dies alles ist nur ein Schatten – in all diesem besteht unser Wohlergehen nicht. Ja, es ist wahr, manchmal entzückt und erfreut uns irgend   etwas Irdisches. Doch für wie lange? Einige Minuten lang – wirklich nicht länger. Fragt die Reichen, aber nicht solche, die schon reich geboren wurden, denn diese wissen den Wert des Reichtums nicht zu schätzen, sondern solche, die, einstmals arm gewesen, dann reich geworden sind; fragt sie, ob sie glücklich sind, ob sie selig sind. Aber was fragt ihr die heutigen Reichen – sie alle besitzen weniger als Salomo. Schauen wir uns daher diesen König an, hören wir, was er über sich spricht; ob er wohl glücklich sei? Es ist bekannt, daß die ganze Einrichtung in seinem Palast aus purem Gold bestand; Salomo war so klug, gelehrt und gebildet, daß ihm keiner an Klugheit, Gelehrtheit und Bildung gleich kam. Salomo war derart mächtig, daß alles, was er nur wollte und wünschte, erfüllt wurde. Überdies erfreute sich Salomo guter Gesundheit, in seinem Königreich herrschten Ruhe, Frieden und Wohlergehen, seine Untertanen liebten ihn, und seine Nachbarn brachten ihm Ehre und Achtung entgegen. Kurz gesagt, augenscheinlich war Salomo so glücklich, daß eine Königin nicht nur ihn selbst, sondern sogar jene, die ihn bedienten, beneidete. Doch bei all dem, war Salomo mit all dem, was er hatte, zufrieden, war er glücklich in seinem Geschick, nannte er sich selbst selig bei all seiner augenscheinlichen Seligkeit? Ach, nein! Er, bis zum Rande erfüllt von allen erdenklichen Freuden dieser Welt, rief im Alter aus, daß nichts in der Welt von wahrem und dauerhaftem Glück ist: Alles in der Welt ist eitle Nichtigkeit und jedwede Eitelkeit.

Wenn daher schon Salomo kein wirkliches Glück in dieser Welt finden konnte, wann und wo finden wir dann solches? Gibt es denn wirklich für uns kein wahres Glück und Wohlergehen in dieser Welt? Doch, es gibt für uns Glück und Seligkeit – ewiges Glück, wahre und beständige Seligkeit – das Reich des Himmels. Dies ist unser wahres und ewiges Gut, Glück, Wohlergehen und unsere Seligkeit! Einzig im Himmlischen Königreich wird der Mensch voll-ständig zufrieden, ewig glücklich, jeden Augenblick froh und voller Freude, immer im Frieden sein. Kurz gesagt, nur im Reich des Himmels kann der Mensch völlig zufrieden sein. Und außerhalb des Himmelreichs findet keiner und niemals jemand die wahre Glückseligkeit.

Was sollten wir uns daher wünschen? Wonach müssen wir suchen – etwa nach Reichtum, Ehre, Ruhm? Nein! Nur nach dem Himmlischen Reich. Denn alles in der Welt ist Staub, Vergängliches, Rauch und Schatten; alles, sogar auch die höchste Bildung – all dies ist nutzlos und versetzt das Herz das Menschen nur in Erregung, sättigt es aber nicht. Einzig das Reich des Himmels kann den Menschen auf eine Weise befriedigen, daß er in alle Ewigkeit nach nichts anderem mehr verlangt.

Daher richten wir all unser Wünschen, alle Gedanken, alle Bitten, alle Gebete, unser ganzes Streben darauf, daß wir das Himmlische Reich erlangen.

Ach, wie glücklich und überglücklich sind jene Menschen, die das Himmelreich empfangen haben! Ach, wie selig sind sie! Sie waren, während sie noch auf Erden lebten, im Paradies. Aber, mein Gott – wie werden sie dort erst selig sein, im Himmel! Wie gewaltig groß ist das, was sich dort im Himmlischen Reich befindet. Der Apostel Paulus wurde schon während seines irdischen Lebens ins Paradies entrückt, und er sagte, daß jene Seligkeit, die Gott in Seinem Reich für jene, die Ihn lieben, vorbereitet habe, so groß sei, daß keiner sie sich vorstellen könne, und daher es nicht möglich sei, davon in irgendeiner Sprache zu berichten. Ach, wie selig sind jene Menschen, die gewürdigt werden, das Himmlische Reich zu empfangen, wie beneidenswert ihr Zustand! Und wer von uns wünscht sich nicht solche Seligkeit?

Schauen wir nun, was das Himmlische Reich ist, wer es empfangen kann und wie man es erlangt.

Was ist oder was bedeutet das Reich des Himmels?

1) Wir wissen, daß das Himmlische Reich kein irdisches, sondern ein himmlisches Paradies ist. Es ist ein Ort in den Himmeln, wo Gott Selbst, alle Engel und alle heiligen Menschen wohnen. Somit ist das Himmlische Reich Leben mit Gott. Im Himmlischen Reich zu sein bedeutet: mit Gott zu sein. Daher ist das Himmelreich zuallererst inwendig in uns, wie der Erlöser spricht, das heißt: das Himmlische Reich befindet sich in der Seele und im Herzen eines jeden Menschen wie ein Samenkorn, das sich öffnen und wachsen muß. Und jene, die mit ihrer Seele und ihrem Herzen an Gott haften und mit Ihm vereinigt werden, haben in sich das Himmlische Reich, weil sie auf der Erde schon paradiesischen Trost und himmlische Freuden empfinden.

Daher ist das Himmlische Königreich Gott Selbst. Wer in sich Gott hat, der hat das Himmelreich in sich, und nach seinem Tod wird er dort in den Himmeln in Ewigkeit mit Gott verweilen.

Wer kann das Himmlische Reich empfangen?

2) Wir sehen, daß sich – was häufig geschieht – Arme abmühen und geschäftig sind und danach streben, reich zu werden, doch bei all ihren Mühen und Anstrengungen bleiben sie doch arm – und all  ihre Mühen sind vergeblich und nutzlos. Im Gegensatz dazu bleibt aber keine Mühe, keine Anstrengung, die man um des Himmelsreiches willen auf sich nimmt, vergeblich – alles wird gewürdigt werden, alles wird im Gerechten Gericht Wertschätzung finden. Jede Anstrengung, jedes Werk, jede Träne, sogar jeder Seufzer wird belohnt werden.

Was ist daher besser – sich mühen und nichts empfangen, oder sich mühen und das Himmlische Reich empfangen? Es scheint, daß die Wahl nicht schwer ist.

Doch seltsamerweise sucht der Mensch sehr häufig – trotz seines ganzen Verstandes, trotz all seiner Bildung und trotz all seiner Erfahrung – das Zeitliche und verwirft das Ewige; er müht sich für das Nichtige und verachtet das Wahre und Wesentliche, er arbeitet, um irdische Güter zu gewinnen und denkt nicht an die himmlischen. Wie oft geschieht es, daß wir um nichtiger Vergnügungen willen keine Mühe und Anstrengung, nicht den Einsatz von Gesundheit und Geld scheuen, für das Himmlische Reich aber – wie man sagt – keinen Finger krümmen. Um nichtiger Launen willen ertragen wir Notlagen und sogar Verletzungen, aber für das Himmlische Reich wollen wir nichts opfern. Was wir um unsertwillen tun, fällt uns leicht, sich aber vor Gott nur tief zu verbeugen, scheint schon schwer.

Woher stammt diese seltsame Verkehrung?

Daher, daß wir das eine wollen und das andere nicht wollen, an das eine fortwährend denken und uns an das andere nicht erinnern – und das rührt wiederum daher, daß wir den eigenen verweslichen Leib sehr lieben, nicht im geringsten aber die eigene unsterbliche Seele lieben und bedauern. Wodurch sind beispielsweise die Heiligen heilig geworden? Dadurch, daß sie wünschten, im Himmlischen Reich zu sein und weil sie vor allem daran und an ihre Seele dachten und dafür arbeiteten – und sie wurden zu Heiligen und empfingen das Reich des Himmels.

Um irdische Güter zu erlangen, beispielsweise Reichtum und Ehre, mangelt es dem einen an Verstand, dem anderen an Gelegenheit, den dritten behindern verschiedene Umstände und weiteres mehr. Doch das Himmlische Reich kann jeder empfangen: der Arme wie der Reiche, der Adlige wie der Einfache, der in Amt und Würden wie jener ohne Amt und Würden, der Alte wie der Junge, der mit großem Verstand Begabte wie auch der, dessen Verstand schwach ist, der Mann wie die Frau. Kurz: alle und jeder, wer es nur will und sich darum müht, kann das Himmlische Reich empfangen.

Wie kann man das Himmlische Reich empfangen?

3) Viele meinen und sagen, daß es, wenn man in der Welt lebt, nicht möglich sei, das Himmelreich zu empfangen, und daß man sich aus der Welt in die Wüste oder in ein Kloster zurückziehen müsse. Nun, es ist richtig, daß fast alle der großen Heiligen – wie Abraham, Moses, Johannes der Täufer und viele andere – Bewohner der Wüste (Einsiedler) waren. Ja, dies ist wahr. Doch unwahr ist, daß man nur dann das Reich des Himmels erlangen kann, wenn man im Kloster lebt, denn man kann auch im Kloster leben wie in der Welt und umgekehrt kann man in der Welt auf monastische Weise leben. Es gibt viele Beispiele, daß weltliche Menschen – Bauern, Händler, Soldaten, sogar Minister und Heerführer – bei all ihren weltlichen Tätigkeiten das Reich des Himmels empfingen. Und wahrlich, diese Menschen sind viel bemerkenswerter als jene, welche in Klöstern lebten und heilig wurden, weil sie in diesem Leben für die Nächsten nützlich waren. Sie retteten auch andere, während sie sich selbst retteten, der Einsiedler aber rettet fast nur sich selbst.

Es ist daher, um das Himmelreich zu erlangen, ohne besonderen Grund nicht nötig, sich aus der Welt zu entfernen, es bedarf nur des herzlichen Verlangens danach und dann kann man es – ganz gleich, wo man lebt – erlangen.

4) Es gibt Menschen, welche meinen, daß man das Himmelreich allein durch Barmherzigkeit oder Mildtätigkeit erlangen könne. Dies ist ganz richtig, denn Jesus Christus Selbst wird bei Seiner Zweiten Ankunft nur jene in das Himmlische Reich rufen, welche die Hungernden gespeist, die Dürstenden getränkt, die Nackten bekleidet, die Kranken und Gefangenen besucht und getröstet und die Fremden und Obdachlosen aufgenommen haben. So ist es wahr, daß uns die Barmherzigkeit ins Himmlische Reich bringen kann. Doch welche Barmherzigkeit? Die wahre Barmherzigkeit aus reinem und gutem Herzen – uneigennützige Barmherzigkeit. Doch es kommt oft vor, daß viele zwar mildtätig handeln, also Hungernde sättigen, Kranke besuchen und weiteres mehr, doch keineswegs aus Liebe, nicht aus der Seele und dem Herzen heraus, sondern einfach so: entweder aus Gewohnheit oder um von den Leuten gerühmt zu werden oder um von Gott eine große Belohnung zu bekommen – und solche Mildtätigkeit führt nicht ins Himmlische Reich. Der Apostel Paulus sagt, auch wenn ich all meinen Besitz den Armen  gäbe und hätte doch die wahre Liebe nicht, so wäre das alles nutzlos.

 

5) Es gibt Menschen, welche sagen, daß man durch die Erfüllung des Gesetzes Gottes ins Himmlische Reich käme. Dies ist wahr, denn der Erlöser Selbst sprach, daß jene in das Himmlische Reich hineingingen, die den Willen des Himmlischen Vaters erfüllten. Doch welcher Mensch erfüllt vollkommen den Willen Gottes? Wer nicht sündigt und das Gesetz nicht übertritt? Doch wer nur ein einziges Gebot übertritt, übertritt schon das ganze Gesetz und wird folglich nicht im Himmelreich sein.

6) Schließlich meinen einige, daß man das Himmlische Reich durch Fasten und Beten erlangen könne. Wahr ist, daß alle Heiligen fasteten und Jesus Christus Selbst vierzig Tage und vierzig Nächte. Auch ist wahr, daß das Gebet alles vollbringen kann, sogar Tote auferwecken. Doch welches Gebet? Das vollkommene Gebet – ein solches Gebet, wie es nur Heilige besitzen können.

Aus all dem sieht man, daß das Reich des Himmels weniger dadurch zu erlangen ist, indem man sich aus der Welt zurückzieht, Mildtätigkeit übt, die Zehn Gebote erfüllt, fastet und betet – all dies ist nicht ausreichend. Wie es nicht genügt, Farben zu haben und zeichnen zu können, um ein Gemälde zu erstellen, da man dafür eine besondere Begabung besitzen muß, genauso bedarf es auch einer Gabe Gottes, um das Himmelreich zu empfangen: Man muß den Heiligen Geist empfangen, so, wie Ihn die Apostel und alle Heiligen empfingen.

Nun hört zu und denkt darüber nach: Um das Reich des Himmels zu empfangen, muß man den Heiligen Geist empfangen und geheiligt werden, und ohne dies kann man nicht nur nicht im Himmlischen Reich sein, sondern es sogar nicht einmal sehen. Jesus Christus sprach: Wer nicht von neuem (von oben) geboren ist, kann das Himmlische Reich nicht sehen. Und Sein Jünger erläutert dies selbst so: Ohne Heiligkeit kann niemand Gott sehen, das heißt: Wer nicht von neuem durch die Kraft aus der Höhe geboren worden ist, kann nicht das Reich des Himmels sehen, und wer nicht geheiligt wurde, kann nicht mit Gott im Himmlischen Reich sein. Dies ist eine ewige Wahrheit, unverbrüchlich und unveränderbar. Sie ist so unverbrüchlich, daß eher Himmel und Erde vergingen, als daß nur ein Buchstabe oder ein Strich vom Gesetz in diesen Worten verändert werden würden. Es mag sein, daß jemand dieses Wort des Erlösers auszulegen wünscht, doch keine Auslegung, keine Philosophie kann diese Wahrheit verändern. 

Heilig sein – ist das für den Menschen möglich? Nun, es sagen tatsächlich viele, daß dies – heilig zu sein – für uns schwache Menschen nicht möglich sei. Wir seien als Sünder geboren und können, ohne zu sündigen, nicht leben. Nun, es ist wahr, daß wir schwach und sündig sind, doch waren nicht auch jene, die wir für heilig halten, schwache und sündige Menschen? Waren das denn wirklich völlig andere Menschen? Wurden sie denn als Heilige geboren? Nein, sie wurden nicht als Heilige geboren, sondern sie wurden zu Heiligen gemacht; sie waren anfangs genauso schwach und sündig wie wir. Auch sie lebten anfangs so in der Welt, daß sie die Welt liebten und sich wie wir um irdisches Glück sorgten. Viele von ihnen hatten Familie und Kinder – wie auch wir. Viele von ihnen waren mit vielen Verpflichtungen beschäftigt – wie auch wir. Doch all dies hinderte sie nicht daran, heilig zu werden. Wie viele Gebildete und Ungebildete sind unter den Heiligen, wie viele Alte und Junge, wie viele kluge und einfältige Menschen, wie viele Männer und Frauen! Kurz gesagt, in jeder Lage, in jedem Stand, jeden Alters und Geschlechts gab es Menschen, die heilig wurden. Folglich können alle und jeder Mensch heilig werden.

Ja, sagen viele, gesetzt den Fall, es sei jedem Menschen möglich, heilig zu werden, so ist dies doch schwer. Das ist freilich wahr: Schwer ist es, heilig zu werden, und nicht nur schwer, sondern, offen gesagt, sehr schwer. Doch sagt, was erlangen wir denn ohne Mühe, was können wir denn gewinnen, wenn wir, wie man sagt, auf der faulen Haut liegen? „Wer rastet, der rostet“, sagt das Sprichwort einfach. Ohne Mühe und umsonst können wir nicht einmal die geringste Kleinigkeit erlangen. Und je wertvoller die Sache, desto mehr Mühe müssen wir aufwenden, um sie zu erlangen; je höher und kostbarer, desto mehr Kraft und Anstrengung ist nötig, um sie zu gewinnen. Doch was in der Welt kann für uns kostbarer sein als das Reich des Himmels? Was kann für uns nötiger und unersetzlicher sein als das Himmelreich?

Daher wird derjenige, der weiß und empfindet, daß das Himmlische Reich wertvoller und nötiger für den Menschen als alles in der Welt ist, dessenungeachtet es suchen.

Schwer ist es, heilig zu werden! Doch was ist für den Menschen schwer und was ist es nicht? Es scheint, daß für den Menschen all das schwer und mühsam ist, was er selbst nicht wünscht und zu dem er sich zwingen muß, obwohl die Sache an sich vielleicht ganz leicht ist. Im Gegensatz dazu erscheint ihm all das, was er sich wünscht, leicht und mühelos. So scheint es dem Menschen möglich, ein Meer zu durchschwimmen, über die Erde und Berge zu wandern, mit allen Schwierigkeiten und Hindernissen zu ringen, weil er dies wünscht, schwer aber und mühsam erscheint es ihm, nur einige Schritte zur Kirche zu gehen und eine Zeitlang im Gebet dort zu stehen, weil er dies nicht wünscht.

Deshalb erscheint es nur demjenigen unmöglich oder schwer, das Himmlische Reich zu erlangen, der nicht bereits das innige Verlangen dazu hat. Demjenigen aber, der es sich innig wünscht und sich Tag und Nacht um das Reich des Himmels sorgt, ist dies sehr mühelos und leicht. Und wie leicht sogar und süß ist es seinem Herzen, daß keine Verlockungen, keine Drohungen, keine Qualen ihn von der Suche nach dem Himmlischen Königreich abbringen können... 

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