Orthodoxe Textquellen und Zeugnisse in deutscher Übersetzung
Der Schmale Pfad der Rettung, wie ihn das orthodoxe Christentum versteht

 

Aus DER SCHMALE PFAD, Band 1:

 EINLEITUNG (von Johannes A. Wolf, Herausgeber der Schriftenreihe)

 Annäherung

 Mein Reich ist nicht von dieser Welt. (Jh 18,36)

Von einigen wenigen historischen Epochen abgesehen, war es nie leicht, in dieser Welt ein christliches Leben zu führen. Dies ist nicht verwunderlich, betritt doch jeder, der ernsthaft der Botschaft des Evangeliums zu folgen versucht, einen Weg, der den Werten und Prinzipien der Welt zuwiderläuft. Überdies aber stößt er in sich selbst auf Kräfte, Gewohnheiten und Abhängigkeiten, die seinen guten Willen durchkreuzen. Zwangsläufig gerät er so in einen doppelten Gegensatz: zu sich selbst – oder, wie es der hl. Apostel Paulus nennt, zu seinem alten Menschen – und zum Geist der Zeit, sofern dieser der Gottlosigkeit Vorschub leistet. 

Seit jener uranfänglichen Katastrophe, die gemäß der biblischen Offenbarung am Beginn der jetzigen Welt steht und von den Propheten als Sturz aus der Gemeinschaft mit Gott – als Fall in den Zustand der Sünde, d. h. der Gottesferne – geschildert wird, befindet sich die Menschheit in der Dualität; sie ist infolge des Essens vom Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen eingetaucht in die Welt der Zweiheit, der Gegensätze und Widersprüche. Der Mensch verfügt als ein Wesen, das im Bildnis Gottes geschaffen wurde, über den freien Willen; das bedeutet, er vermag seinem Dasein selbstbestimmt eine Richtung zu geben. Diese Freiheit hat ungeheuerliche Konsequenzen, zugleich begründet sich durch sie die Verantwortlichkeit jedes einzelnen gegenüber seinem Tun und Lassen. Das Wort der Bibel läßt keinen Zweifel daran, daß der Mensch stets an einem Scheideweg steht und die Folgen aller seiner Handlungen, seiner Worte, ja sogar seines Denkens und Fühlens auf ihn zurückfallen werden; freilich weniger im Sinne mechanischer Gesetzmäßigkeiten, sondern in einem transzendenten Augenblick der personalen Begegnung mit dem Schöpfer, in dem alles Verborgene offenbar wird. Im Wort des greisen Propheten Symeon an die Gottesmutter Maria über das neugeborene Kind, das sie in den Armen hält – und das doch der inkarnierte urewige Gott ist –, kommt bereits zum Ausdruck, daß die Begegnung mit Christus von entscheidendem Charakter ist: Dieser ist dazu bestimmt, daß in Israel viele durch Ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden, und Er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird. Dadurch sollen die Gedanken vieler Menschen offenbar werden (Lk 2,34f).

In der Offenbarung des Johannes erscheint Derselbe, nun als Weltenherrscher, als Pantokrator, aus dessen Mund ein scharfes, zweischneidiges Schwert hervorgeht (Offb 1,16) – Sein Wort, das „die Geister scheidet“. Es ist Jener, über den der Apostel Paulus in mystischer Schau schreibt: Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung. Denn in Ihm wurde alles erschaffen im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare, Throne und Herrschaften, Mächte und Gewalten; alles ist durch Ihn und auf Ihn hin geschaffen. Er ist vor aller Schöpfung, in Ihm hat alles Bestand. Er ist das Haupt des Leibes, der Leib aber ist die Kirche. Er ist der Ursprung, der Erstgeborene der Toten; so hat Er in allem den Vorrang. Denn Gott wollte mit Seiner ganzen Fülle in Ihm wohnen, um durch Ihn alles zu versöhnen. Alles im Himmel und auf Erden wollte Er zu Christus führen, der Friede gestiftet hat am Kreuz durch Sein Blut (Kol 1,15-19). 

Als Menschensohn verdeutlicht der Gottmensch Jesus Christus anhand Seines eigenen Beispiels das Urbild und die Bestimmung des Menschen, die infolge des Sündenfalls verfinstert, verkehrt und verzerrt wurde, den Maßstab, das letztlich entscheidende Kriterium des Menschseins. Als Inkarnation der Zweiten Person der Göttlichen Dreiheit (Trinität) lehrt Er den Menschen, wer Gott ist – und wie Er ist. Durch Sein Erlösungswerk gewährt Er allen, die dies wünschen, die Möglichkeit zur Teilhabe am göttlichen Sein, zur Gemeinschaft mit Gott. „Gott wurde Mensch, auf daß der Mensch vergöttlicht würde“, faßt der hl. Irenaeus von Lyon (2. Jh.) die ursprüngliche „Gute Nachricht“, das Evangelium Jesu Christi, zusammen.

Spätestens im Tode, wenn die Seele ihre sterbliche Umhüllung – den vergänglichen Körper – verläßt und jeder Selbstbetrug, jedes Versteckspiel und jegliche Maskerade ein Ende haben werden, wird sich zeigen, ob man der Bestimmung des Menschseins, wie sie sich in Christus verkörpert, gerecht geworden ist, oder ob man dem widermenschlichen, widergöttlichen Geist gefolgt ist – dem Geist der Täuschung, Zerstörung und Gottesferne. Es wird deutlich werden, welchem Herrn man gedient, welchem geistigen Prinzip man Glauben geschenkt hat. Fjodor M. Dostojewskij, der große russische orthodoxe Schriftsteller, spricht vom Kampf, der in der Tiefe der Seele eines jeden Menschen – ob bewußt oder unbewußt – stattfindet: der Kampf zwischen Satan und Gott. Niemand kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben, oder er wird zu dem einen halten und den anderen verachten (Mt 6,24). Viele weltanschauliche Strömungen relativieren diese Unbedingtheit, verschleiern die ontologischen Unterschiede oder versprechen das Aufgehen in einer nichtpersonalen All-Einheit, die den einzelnen genau dieser tiefsten Entscheidung zu entheben scheint. Aus der Sicht des traditionellen Christentums sind solche Wege illusorisch, da sie nicht bis zur letzten Wirklichkeit des Seins vordringen und im Bereich der Täuschung, im Netzwerk des Irrtums, verbleiben. Auch zeigt die Geschichte, daß alle humanistischen Versuche, allein durch die dem Menschen zur Verfügung stehenden Mittel und Wege die Widersprüche des Daseins zu überwinden, zum Scheitern verurteilt sind: Es liegt offenkundig nicht in der Macht des Menschen, den so sehr ersehnten Frieden zu verwirklichen. Die Synthese – die Versöhnung – ist nicht durch menschliches Wollen, Denken und Tun allein zu erreichen; sie gehört zum Reich Gottes, das nicht von dieser Welt ist. 

So ist der Christ unterwegs, inmitten vieler innerer und äußerer Bedrängnisse, ein Pilger; aber er irrt nicht umher – unstet und flüchtig – wie Kain, sondern er folgt dem Weg und den Weisungen Gottes, der um der Menschen willen Mensch geworden ist, damit jene, die Ihn lieben, dort vereinigt seien, wo Er ist. Dieser Weg ist der schmale Pfad.

Es ist der Weg der Rettung, der Weg der Heilung und Heiligung der Menschennatur, der Weg zum ewigen Leben in Gott. Der Mensch gerät in die Sphären, in denen „Tod und Teufel“ herrschen, wenn er seine Bestimmung verläßt, wenn er Gottes Wort keinen Glauben schenkt. So war es im Anfang: Der Mensch (hebräisch: a-dám), geschaffen als Mann und Frau im Bildnis und Gleichnis Gottes (Gen 1,26-27), vertraute dem Geist der Lüge, der durch „die Schlange“ sprach, mehr als Gott, seinem Schöpfer und Erhalter, und es geschah, wovor dieser ihn gewarnt hatte: Der Mensch stürzte aus seinem ursprünglichen Zustand und fand sich wieder in einer Welt, deren Fürst Satan oder Diabolos – „Durcheinanderwerfer“ – heißt, in einem ausweglosen, von Verzweiflung, Verwesung und Zwietracht durchdrungenen Dasein, das in der Sprache der Bibel Finsternis und Todesschatten (Lk 1,78-79) genannt wird – in jener Welt also, in der wir leben. Im Ursprung war sie Schöpfung Gottes und als solche sehr gut, nun aber wird sie, hineingezogen in den kosmischen Fall des Menschen, beherrscht von den Kräften der Gottesferne. Um aus dieser Welt, die im Argen – d. h. unter der Macht des Bösen – liegt (1 Jh 5,19), zu erlösen, kam das Wort Gottes, das im Alten Bund zu den Propheten und Gerechten gesprochen hatte, selbst auf die Erde und zeigte durch Sein eigenes Vorbild den Weg der Rettung. Dies ist der Weg des Kreuzes: Wer Mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge Mir nach. Denn wer sein Leben retten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben um Meinetwillen verliert, wird es gewinnen (Mt 16,25). 

Der erste, von dem berichtet wird, wie er den Weg zu Gott ging, indem er Gottes Wort vertraute und Seinen Willen erfüllte, war Abra(ha)m, über den der Apostel Jakobus schreibt: Abraham glaubte Gott, und das wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet, und er wurde Freund Gottes genannt. Abraham vertraute dem Wort Gottes, das zu ihm gesprochen hatte: Ziehe fort aus deinem Land, deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde! (Gen 12,1). Es ist immer so: Der Mensch wird auf verschiedene Weise aufgerufen, seinen Sinn – die Ausrichtung seines Lebens – zu ändern, aus dem Gewohnten und Vertrauten hinauszuziehen und dem Wort Gottes zu folgen. Nichts anderes bedeutet es, wenn Johannes der Täufer – und wenig später Christus selbst – zu Beginn der Verkündigung des Evangeliums ruft: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um (ändert eure Gesinnung, bereut, tut Buße) und glaubt an das Evangelium! (Mk 1,15/Mt 3,2; 4,17). 

Um welche Art von Glauben geht es dabei? Sicherlich nicht um jenen, den die heutige Alltagssprache meint, wenn sie von „Glaube“ und „glauben“ spricht, also um ein vages „meinen und für wahr halten“, das im Gegensatz zum gesicherten und im Zeitalter der Wissenschaftsgläubigkeit so hoch geschätzten „Wissen“ steht. Das griechische pístis umfaßt die Dimensionen von „Treue, Zuverlässigkeit, Vertrauen und Gewißheit“. Abraham überstieg im Glauben seine eigene Bedingtheit und die Grenzen des für ihn Begreifbaren, ja sogar jene seiner natürlichen, väterlichen Liebe. Er verleugnete sich selbst und nahm sein Kreuz auf sich. Er ließ sich auf das „Wagnis des Glaubens“ ein und erntete die Fülle des Heils. Wenn es daher zu Beginn des Glaubensbekenntnisses (Symbols) von Nizäa-Konstantinopel heißt: „Ich glaube an den einen Gott...“, so ist damit keineswegs gemeint, man würde – im Sinne einer privaten Meinungsäußerung – die Existenz Gottes bloß für wahrscheinlicher halten als Seine Nichtexistenz. Die Grundlage des orthodoxen Christentums ist jene Haltung, die dieses „Ich glaube“ in seinen verschiedenen Aspekten zum Ausdruck bringt:  Ich glaube an die Wahrhaftigkeit des Wortes Gottes; ich vertraue Gott, und ich vertraue mich Ihm an; ich will Ihm treu sein wie eine Liebende dem Geliebten und zuverlässig wie ein treuer Knecht Sein Wort weitertragen“. Sie beinhaltet das geduldige Ausharren in Gott, jene Standhaftigkeit bis zum Ende, die sich in größter Bedrängnis – im Martyrium – bewährt und zur Rettung der Seele führt (vgl. Mt 24,13). Welch neue und tiefe Bedeutung erhalten die einzelnen Sätze des Glaubensbekenntnisses, wenn man sie unter diesen Dimensionen von transzendentaler Gewißheit, kindlichem Vertrauen, liebender Treue und standhafter Zuverlässigkeit liest; zugleich wird vielfach Grund zur Reue darüber sein, wie oft man beim Lesen lügt, denn es wird deutlich, wie wenig das eigene Leben dem verbal bekundeten Glauben entspricht und wie gering dieser ist. 

Was versteht die Orthodoxe Kirche unter Orthodoxie? Vom Wort her: rechte Lehre und rechte Lobpreisung, wobei dóxa die Bedeutungsebenen „Preis, Ehre; Herrlichkeit, Lichtglanz, Pracht“ umfaßt und auf die Teilhabe an den ungeschaffenen Energien Gottes hindeutet, während ortho- auf die Übereinstimmung mit der transzendentalen Wirklichkeit verweist – die Treue zu dem also, was im Anfang war und stets gültig ist. Eine andere mögliche Antwort: Orthodoxie ist das lebendige Zeugnis und die Anwesenheit des Heiligen in einer Welt, die im Unheil liegt. Oder auch: Es ist Jesus Christus selbst – Der da ist und Der da war und Der da kommt (Offb 1,8) – und das Wandeln auf dem von Ihm gewiesenen schmalen Pfad, der Ausweg aus der Bedrängnis durch das Zeitliche: Der Weg also, der die Wahrheit und das Leben ist.

Vor allem aber – und alles zuvor Gesagte zusammenfassend – ist Orthodoxie Gemeinschaft, auch für den Eremiten, der vor Gott im Gebet für die ganze Welt verharrt, denn die Bestimmung und das Werdeziel des menschlichen Daseins besteht in einer Gemeinschaft, die sich quasi vertikal und horizontal zugleich entfaltet – in der Liebe zu Gott und zum Nächsten: Liebe den Herrn deinen Gott mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und deiner ganzen Vernunft. Das ist das erste und größte Gebot. Das zweite ist ihm gleich: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst (Lk 10,27/Mt 22,37-39). 

Auf die Frage, wohin der schmale Pfad denn führe, ließe sich demnach antworten: zur Erfüllung dieses doppelten Liebesgebotes, das die recht verstandene Liebe zu sich selbst, d. h. zu einem geschaffenen Wesen im Bilde Gottes, einschließt – zu jener Gemeinschaft also, die Zeiten und Räume übersteigt, Himmel und Erde, Menschen und himmlische Wesen miteinander verbindet und den Menschen mit Gott vereint. In der Sprache des Neuen Testaments wird diese Gemeinschaft ekklesía (Kirche) genannt; sie ist der mystische Leib Christi, keine von Menschen gemachte Organisation. 

In diesem Zusammenhang sei eines der (vielen) Probleme kurz angesprochen, welche die Herausbildung einer genuin orthodoxen Kultur im deutschen Sprachraum erschweren, das Problem der Übertragung orthodoxer Textquellen. Seit mehr als tausend Jahren ist das Abendland von der geistlichen Tradition des östlichen Christentums weitgehend abgeschnitten, und diese wahrhaft tragische Trennung hatte natürlich auch erhebliche Auswirkungen auf das Verständnis und den Gebrauch der religiösen Begriffe und Aussagen. Manche Probleme, die das westliche Christentum Jahrhunderte in Aufruhr versetzt haben (z. B. die Frage der Rechtfertigung), spielten in der Orthodoxie nie eine Rolle, da deren Blick stets auf Theosis, d. h. die gnadenhafte Vergöttlichung des Menschen in der Teilhabe an den ungeschaffenen Energien Gottes, ausgerichtet ist. Die aus Unkenntnis alleinige Identifizierung des Christentums mit seinen westlichen Ausprägungen (die zum Teil nur noch Zerrbilder des ursprünglich Christlichen sind) führt bei vielen und vor allem jungen Menschen zu Gleichgültigkeit oder gar Abstoßung, so daß zentrale Begriffe wie „Kirche“, „Priester“, „Dogma“, „Askese“, „Glauben“, „christliches Leben“, „Frömmigkeit“, „Demut“, „Gottesdienst“ – ja sogar „Gott“ selbst – häufig stark negativ besetzt sind. 

Viele Mißverständnisse und Vorurteile erwachsen daher aus den unterschiedlichen Vorstellungen, die mit jenen religiösen Institutionen, Begriffen und Aussagen verbunden sind, ihren semantischen Färbungen und historisch bedingten, verfestigten Konnotationen. Die deutsche Sprache, die in ihrer heutigen Form aus dem Geist des Protestantismus, des Humanismus und der Aufklärung hervorging, kann manche Inhalte der orthodoxen Spiritualität nicht angemessen wiedergeben, so daß infolgedessen ein unmittelbares Verständnis häufig erheblich beeinträchtigt ist. Übersetzung muß daher zugleich oft Erläuterung beinhalten, aus der sich die Inhalte dem aufmerksamen Leser nach und nach erschließen. Auf diesem Wege erwächst auch ein erneuertes Verständnis der eigenen Sprache, was von um so größerer Bedeutung ist, da es sich ja um den Zugang zum Wort Gottes, zum Logos handelt. 

Allerdings sind die Antworten des Christentums auf die großen und immer wiederkehrenden Fragen des Daseins keine Abstraktionen; die Wahrheit kleidet sich in lebendige Gestalten. Auf die Frage des römischen Statthalters Pontius Pilatus: „Was ist Wahrheit?“, erwidert Jesus Christus – der Logos, das Mensch gewordene Wort Gottes – nichts. Er schweigt, denn die Frage des Statthalters ist falsch gestellt. Sie hätte lauten müssen: Wer ist Wahrheit? Wenn das Christentum mit Abstraktionen auf die Fragen der Menschheit Antworten zu geben versucht, wird es zur Ideologie, verliert seine Kraft und hört im eigentlichen Sinne auf, christlich zu sein. Dort aber, wo der Mensch sich anschickt, die Wahrheit zu tun, beginnt der Pfad der Umkehr zu Gott, die Heimkehr des verlorenen Sohnes, der verirrten Tochter. 

In mancherlei Hinsicht ähnelt unsere Zeit zu Beginn des dritten Jahrtausends jener Situation, mit denen sich die Apostel in der Frühzeit des Christentums konfrontiert sahen: Wie ist der Glaube in einer Umwelt und unter Bedingungen, die dem christlichen Weg ablehnend oder feindlich gegenüberstehen und deren Werte und Prinzipien vielfach denen des christlichen Weges diametral entgegengesetzt sind, zu bewahren und zu vertiefen? Neben dem häufigen Empfang der Mysterien (Sakramente) und dem regelmäßigen (liturgischen und privaten) Gebet ist die geistliche Lektüre hierbei von größter Bedeutung.

Die Verbindung mit dem ununterbrochenen geistigen Strom der Orthodoxie – wie er in den Schriften derer, die Gott und die Ordnungen Gottes geschaut und erfahren, das Geschaute und Erfahrene im Gebet durchlebt und in lebenslanger Meditation durchdacht haben und das Durchdachte schließlich den nachfolgenden Generationen anvertrauten, in den gottesdienstlichen Texten und mystagogischen Handlungen der Kirche und in den Lebensgestalten der Heiligen und Gerechten aller Epochen einmütig zum Ausdruck kommt – ist für jeden, der sich anschickt, den orthodoxen Weg zu gehen, von buchstäblich lebensnotwendiger Bedeutung; und besonders in der heutigen Zeit, die von ungeheurer Desorientierung und Diskontinuität geprägt ist. Aber auch wer den ernsthaften Versuch unternimmt, das orthodoxe Christentum kennenzulernen, tut gut daran, sich vom „Geist der Väter“ leiten zu lassen, um nicht Opfer einer jener vielen Modeerscheinungen zu werden, die zu Unrecht den Namen „christlich oder gar „orthodox“ tragen. Die Heiligen, die Gottschauenden, hinterließen uns – den Suchenden, Orientierungslosen und so leicht Verzagenden – ein unfehlbares Handwerkzeug der Rettung, ein unerschöpfliches Reservoir an Hilfe, Trost und Klärung. In immer neuen Variationen und Ableitungen, auf jeweils persönliche und den jeweiligen Zeitumständen durchaus Rechnung tragende Weise, entfalten sie doch denselben, den einen Geist. Sie sind die ununterbrochene Fortsetzung des Pfingstereignisses: Der Heilige Geist – der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht und den die Welt nicht empfangen kann, weil sie Ihn nicht sieht und nicht kennt (Jh 15,26/14,17) – führte sie in die ganze Wahrheit (Jh 16,13); sie verkündeten in verschiedenen Sprachen die großen Taten Gottes (Apg 2,11); sie hielten an der Lehre der Apostel fest und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes (d. h. an der Eucharistie) und an den Gebeten (Apg 2,42). In seiner Biographie des Starzen Barsanuphius von Optina führt Victor Afanasiev aus (in: Elder Barsanuphius of Optina, Platina, Cal. 2000, U. S. A., S. 214): „Wann die Asketen lebten – in frühen Zeiten oder erst in jüngster Vergangenheit – spielt nur eine geringe Rolle, da die orthodoxen Asketen aller Zeiten einander Zeitgenossen sind. Wenn beispielsweise durch irgendein Wunder der hl. Antonius der Große (251-356) Starez Amvrosij von Optina (1812-1891) treffen würde, so hätten sie dieselben Gesprächsthemen, die beide gleichermaßen lieben, dieselben Gedanken und Bestrebungen des Herzens. Sie sind Brüder in Christo.“ So erschließt sich eine weitere Facette dessen, was Orthodoxie bedeutet. Sie ist der Geist, der im Anfang (Jh 1,1/1 Jh 1,1) war und dann gleichsam „weitergereicht“ wurde: Vom Gottmenschen Jesus Christus auf die Apostel, von diesen auf ihre Schüler und geistlichen Kinder, von jenen wiederum auf die ihnen Folgenden und so fort bis in die Gegenwart als eine lebendige Sukzession (sowohl hierarchisch als auch spirituell) in dem einen Geist. Und die Aufforderung lautet, damals wie heute: Kämpft für den überlieferten Glauben, der den Heiligen ein für allemal anvertraut ist (Judas 3).

Wollte man nun einige wenige Namen der Glieder jener ununterbrochenen Kette nennen, die in der Vergangenheit und in der Gegenwart die lebendige geistige Kontinuität der Orthodoxie rein verkörpert haben und daher Wegmarken und Leuchtfeuer sind (wobei nicht nur wichtig ist, was sie sagten, sondern ebenso, wie sie es sagten und selbst lebten), so müßte man natürlich bei den „Säulen der Kirche“ beginnen: bei den hll. Basileios von Caesarea, Johannes Chrysostomos, Gregor von Nazianz, Gregor von Nyssa; bei den Überlieferungen der Wüstenväter; beim hl. Ephrem dem Syrer, den hll. Dorotheus von Gaza, Johannes Klimakos, Dionysius Areopagita, Maximos dem Bekenner, Isaak dem Syrer, Johannes Damaskenos, um dann mit Symeon dem Neuen Theologen, Gregor Palamas, den hesychastischen Vätern der Philokalia, den hll. Markos von Ephesos, Nil Sorskij und dem hl. Hiob von Pocaev fortzufahren. Von besonderer Bedeutung für die heutige Zeit sind natürlich jene Väter, die in größerer zeitlicher Nähe zur Gegenwart stehen oder sogar unsere Zeitgenossen sind. Hier wären zu nennen: der hl. Nikodemos vom Berg Athos (1749-1809), der hl. Starez (Altvater) Paisij Veličkovskij (1722-1794) die hll. Einsiedlerbischöfe Tichon von Zadonsk (1724-1783), Ignatij Brjančaninov (1807-1867) und Feofan (Theophan) der Klausner (1815-1894); Starez Seraphim von Sarov (1759-1833) und jene von Optina und Valaam; die hll. Johannes von Kronstadt (1829-1908), Nektarios von Aegina bzw. Pentapolis (1846-1920) und der hl. Starez Siluan vom Athos (1866-1938); die „Kirchenlehrer des zwanzigsten Jahrhunderts“ Bischof Nikolaj Velimirović (1880-1956) und Archimandrit Justin Popovic von Celije (1894-1979); sodann der wohl größte Heilige des 20. Jahrhunderts (wenn eine solche Bezeichnung gestattet ist) Erzbischof Ioann Maksimovič von Shanghai und San Francisco (1896-1966); schließlich die kirchlichen Lehrer Erzpriester Michail Pomazanskij (1888-1989) und Erzbischof Averkij (1906-1976) von Jordanville, Erzpriester Georg Florovskij und Priestermönch Seraphim Rose von Platina (1934-1982) und die Altväter Philotheos Zervakos (1884-1980) Porphyrios von Kavsokalyvia (1906-1991) und Paisios vom Heiligen Berg Athos (1924-1994). Aus dem immensen geistigen Erbe, das sie und andere hinterlassen haben, spricht in verschiedenen Zungen die eine, dieselbe zeitlose Wahrheit. 

Erkennen aber kann man sie einzig durch das Tun der Gebote auf dem schmalen Pfad der Nachfolge Christi, verbunden mit der Erfahrung der Gnade im Gebet und sakramentalen Geschehen, nicht aber durch das Sammeln abstrakten Wissens. Der rechte Lobpreis, die wahre Schönheit, das vollendete Glück, die erfüllte Liebe und jene unaussprechliche, österliche und für das orthodoxe Christentum so charakteristische Freude erwachsen aus Treue, Gehorsam, Buße, Selbstentsagung, Demut, Kampf, Überwindung; vor allem aber aus der Gnade Gottes. Orthodoxie als der Weg in das Reich des Himmels, das nicht von dieser Welt ist, darf – um das Ziel nicht zu verfehlen – sich dieser Welt, ihrem Stil und ihren Methoden nicht anzugleichen versuchen, sondern muß aus ihr heraus-, über sie hinaus-, in die Ewigkeit Gottes hineinführen. 

Gehet hinein durch die enge Pforte.

Denn das Tor ist weit, und der Weg ist breit,
der zur Verdammnis führt;
und es sind ihrer viele, die darauf wandeln.
Doch die Pforte ist eng, und der Pfad ist schmal,
der zum Leben führt;
und wenig sind ihrer, die ihn finden.
(Mt 7,13-14)