
DER WEG ZUR RETTUNG
Hl.
Theophan der Klausner
Orthodoxe
Quellen und Zeugnisse


Einleitung
des Verfassers
Es
ist möglich, im Sinne der katechetischen Lehrbücher die Gefühle und
Neigungen, die man als Christ haben sollte, zu beschreiben, doch umfaßt
dies bei weitem nicht alles, was für die Verwirklichung der eigenen
Errettung notwendig ist. Die Hauptsache für uns besteht darin, wahrhaft
im Geist Christi zu leben. Doch kaum kommt man damit in Berührung, wie
viele Verwirrungen werden aufgedeckt, wie viele Wegweiser sind nötig –
bei fast jedem Schritt!
Es
ist wahr, man mag das letzte Ziel des Menschen kennen: die Vereinigung mit
Gott. Auch kann man den Pfad dorthin beschreiben: Glaube und das Leben
nach den Geboten Gottes mit Hilfe der göttlichen Gnade. Somit wäre es
nur nötig zu sagen: Hier ist der Weg – geh los!
Dies ist leicht
gesagt: Hier ist der Weg – nun geh ihn. Aber wie?
Denn größtenteils mangelt es allein schon an dem Wunsch zu gehen.
Die Seele, die von der einen oder anderen Leidenschaft angezogen wird,
wehrt sich hartnäckig gegen jede zwingende Kraft, gegen jeden Ruf; die
Augen wenden sich von Gott ab und wollen nicht auf Ihn schauen. Man findet
kein Gefallen am Gesetz Christi; es besteht nicht einmal die Neigung, ihm
zu lauschen. Man mag fragen: Wie gelangt man an jenen Punkt, wo der Wunsch
geboren wird, auf dem Pfad Christi auf Gott zuzugehen? Was ist zu tun,
damit sich das Gesetz dem Herzen von allein einprägt, und der Mensch wie
aus sich selbst heraus diesem Gesetz entsprechend handelt, ohne Zwang, so
daß das Gesetz nicht auf ihm lastet, sondern sozusagen aus ihm
hervorgeht?
Angenommen, jemand
hat sich Gott zugewandt und ist dorthin gekommen, Sein Gesetz zu lieben:
Ist dadurch das Zugehen auf Gott, das eigentliche Wandeln auf dem Pfad des
Gesetzes Christi, schon eine Notwendigkeit – und wird es zum Erfolg
führen, nur weil wir dies wünschen? Nein. Vom Wunsch abgesehen, muß man
auch die Kraft und die Kenntnis haben, um zu handeln, man muß über
tätige Weisheit verfügen.
Wer den Weg betritt,
das Wohlgefallen Gottes zu gewinnen, oder wer mit Hilfe der Gnade beginnt,
auf dem Pfad des Gesetzes Christi auf Gott zuzustreben, wird zwangsläufig
von der Gefahr bedroht sein, an Weggabelungen seinen Weg zu verlieren, in
die Irre zu gehen und zu verderben, während er sich selbst für gerettet
hält. Diese Weggabelungen sind nicht zu vermeiden, da die sündigen
Neigungen und die Unordnung der eigenen Anlagen Dinge im falschen Licht
darstellen können – und so den Menschen täuschen und zerstören. Es
ist die Schmeichelei des Satans damit verknüpft, der sich nur widerwillig
von seinen Opfern trennt und denjenigen verfolgt, der aus seinem
Herrschaftsbereich in das Licht Christi überwechselt. Er wirft jede Art
von Netz aus, um ihn erneut einzufangen – und recht oft fängt er ihn
tatsächlich wieder.
Folglich ist es
notwendig, demjenigen, der schon den Wunsch hat, auf dem gewiesenen Pfad
zum Herrn zu gehen, zusätzlich all die Abwege, die auf diesem Pfad möglich
sind, aufzuzeigen, so daß der Reisende im voraus gewarnt ist und somit
die Gefahren, denen er begegnen wird, sehen kann und zu erkennen vermag,
wie sie zu vermeiden sind.
Diese allgemeinen Erwägungen,
welche für all jene, die den Pfad der Erlösung anstreben, unverzichtbar
sind, lassen gewisse Grundregeln des christlichen Lebens als unentbehrlich
erscheinen, durch welche bestimmt wird: Wie der rettende Wunsch nach der
Vereinigung mit Gott und der Eifer, darin zu bleiben, erlangt werden, und
wie man Gott erreicht, ohne zwischen all den Weggabelungen, denen man bei
jedem Schritt auf diesem Weg begegnen kann, in ein Mißgeschick zu geraten
- mit anderen Worten, wie man das christliche Leben zu leben beginnt und
wie man sich, hat man es erst einmal begonnen, darin vervollkommnet.
Die Aussaat und die
Entwicklung des christlichen Lebens sind vom Wesen her von der Aussaat und
der Entwicklung des natürlichen Lebens verschieden, und zwar wegen des
besonderen Charakters des christlichen Lebens und seiner Beziehung zu
unserer Natur. Der Mensch wird nicht als Christ geboren, sondern wird es
erst nach der Geburt. Das Samenkorn Christi fällt auf den Boden eines
Herzens, das schon schlägt. Da die Erfordernisse des Christentums den
natürlich geborenen Menschen in eine bedrückende Lage bringen, weil sie
ihm widerstreben – während zum Beispiel in einer Pflanze der Beginn des
Lebens das Hervorbrechen eines Sprosses aus dem Samen ist, also ein
Erwachen von sozusagen schlummernden Kräften –, ist der Anfang eines
wahren christlichen Lebens im Menschen eine Art von Wiedererschaffung,
eine Ausstattung mit neuen Kräften, mit einem neuen Leben.
Nehmen wir ferner an,
daß das Christentum als ein Gesetz empfangen wurde – d. h. der
Entschluß wird gefaßt, ein christliches Leben zu führen: so ist dieser
Same des Lebens (dieser Entschluß) im Menschen nicht von Elementen
umgeben, die ihm günstig wären. Zugleich bleibt der ganze Mensch –
sein Körper und seine Seele – an das neue Leben unangepaßt. Er ist
nicht bereit, sich dem Joch Christi zu unterwerfen. Daher beginnt im
Menschen von diesem Augenblick an eine schweißtreibende Arbeit – die
Mühe, sein ganzes Wesen und all seine Fähigkeiten gemäß den
christlichen Grundlagen zu erziehen.
Es ist daher so, daß
– während zum Beispiel das Pflanzenwachstum eine allmähliche,
einfache, ungezwungene Entfaltung von Kräften darstellt – dies im
Christen ein Kampf mit sich selbst ist, intensiv und leidvoll, der viel
Mühe erfordert, wobei der Mensch seine Fähigkeiten für etwas zur
Verfügung stellen muß, wofür er keine [natürliche] Neigung hat. Wie
ein Soldat muß er jeden Fußbreit Land, sogar sein eigenes, von seinen
Feinden auf dem Weg der Kriegsführung abringen, und zwar mit dem
doppelseitigen Schwert des Sich-Zwingens und des Sich-selbst-Widerstrebens.
Schließlich erweisen sich die christlichen Prinzipien nach langen
Bemühungen und Strapazen als siegreich, und sie herrschen ohne
Widerstand. Sie durchdringen alle Bestandteile des menschlichen Wesens,
enthoben den Forderungen und Neigungen, die ihnen feindlich sind, und sie
führen den Menschen in einen Zustand der Leidenschaftslosigkeit und
Reinheit, der ihn würdig der Seligkeit jener macht, die reinen Herzens
sind – Gott in sich zu schauen, in der innigsten Vereinigung mit Ihm.
Solcherart ist der
Zustand des christlichen Lebens in uns. Dieses Leben umfaßt drei Stadien,
welche man, ihrem Wesen entsprechend, nennen könnte:
1) Umkehr zu Gott;
2) Reinigung oder
Selbstberichtigung;
3) Heiligung.
Im
ersten Stadium wendet sich der Mensch von der Finsternis zum Licht, aus
dem Herrschaftsbereich Satans zu Gott. Im zweiten reinigt er die Kammer
seines Herzens von jeder Unreinheit, um Christus den Herrn, der zu ihm
kommt, zu empfangen. Im dritten Stadium kommt der Herr, nimmt Wohnung in
seinem Herzen und vereint sich mit ihm. Dies ist der Zustand der seligen
Gottesgemeinschaft – das Ziel aller Anstrengungen und asketischen
Bemühungen.
Dies alles zu
beschreiben und seine Gesetzmäßigkeiten zu bestimmen, bedeutet – den Weg zur Rettung
aufzuzeigen.
Die vollständige
Weisung in dieser Angelegenheit nimmt einen Menschen, der am Scheideweg
der Sünde steht, führt ihn auf dem feurigen Pfad der Reinigung entlang
und schließlich hinauf bis zu jenem Maß von Vollkommenheit, die ihm, gemäß
seines Reifegrades in Christo, zugänglich ist. Somit soll gezeigt werden:
1) wie das
christliche Leben in uns beginnt;
2) wie es
vervollkommnet wird, reift und gestärkt wird; und
3) wie es sich in seiner
Vollendung offenbart.