

Die
Pforte zum Paradies
Der
orthodoxe Weg –
ein kurzer Überblick.
Jesus Christus und die frühe Kirche
Ich
bin die Tür,
sagt Christus, wer durch Mich eintritt, wird gerettet werden (Jh 10,9).
Christus ist die Pforte zum Reich des Himmels, die wir auch schon in diesem
Leben in uns finden können und die fortbesteht in Ewigkeit. Doch wie finden
wir diese Pforte zwischen den Tausenden von verschiedenen Sekten und
Philosophien? Jede von ihnen präsentiert von Christus ein anderes,
unterschiedliches Bild. Wenn wir in die Geschichte der Kirche, die Er gegründet
hat, schauen, finden wir eine einzige ungebrochene Linie, in der Sein Bild
rein und unverzerrt bewahrt wurde. Diese Linie ist die Orthodoxie der frühen
Zeit, der Maßstab des wahren Christentums.
Ko
mmt zur Pforte! Findet sie auf dem uralten, historischen Pfad...
An
einem bestimmten Punkt der Geschichte, an dem die Menschheit durch ihr
Abfallen von Gott weit vom Paradies entfernt und durch ihre Gottesferne in
Verzweiflung und Not war, nahm Gott, Der den Menschen geschaffen hatte,
Fleisch an und wurde Mensch. Dies war Jesus Christus, Der Eine, Den die
Propheten vorausgesagt hatten, Der Eine, Den die ganze Welt erwartete. Bis
dahin waren alle Religionen nur bruchstückhafte Versuche, Gott zu verstehen.
In Christus wurde Gott Selbst Mensch – zum ersten und einzigen Mal in der
Geschichte. Eines der vielen Dinge, die Christus offenbarte, als Er in der
Welt war, ist die Möglichkeit einer persönlichen Beziehung mit Gott für
jene, die an Ihn glauben. Er führte jene Gläubigen zusammen und versprach
ihnen, daß niemals irgend etwas Seine Kirche überwältigen würde (Mt
16,18). Diese Kirche wurde auf den Leiden Christi gegründet, dann auf den
Leiden Seiner Apostel und schließlich auf den Leiden der Märtyrer im Lauf
der Jahrhunderte. So begann das Christentum.
Nach Christi Kreuzigung, Auferstehung und nach Seiner Himmelfahrt,
versammelten sich Seine Apostel zusammen mit Tausenden anderer Menschen aus
fast der ganzen bekannten Welt zum Pfingstfest. Da kam – genau wie
die Heilige Schrift vorausgesagt und Christus versprochen hatte – plötzlich
vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und
die Apostel wurden erfüllt vom Heiligen Geist (Apg 2,2-4). Sie begannen
all jenen, die auf dem Fest anwesend waren, in ihren jeweiligen Muttersprachen
den Weg, die Wahrheit und das Leben zu verkünden. Jene, die diese
Offenbarung empfingen und Jesus Christus folgten, begannen unter der
Bezeichnung „Christen“ bekannt zu werden.
Von jenem Tag an wurde das Christentum mit Kraft ausgestattet, und es begann
sich bis zu den Enden der Erde auszubreiten. Von Jerusalem aus reisten die Jünger
Christi durch die ganze bekannte Welt: die Apostel Petrus und Paulus gingen
nach Griechenland und Rom, Andreas nach Rußland, Markus nach Ägypten, Simon
nach England und Afrika. Thomas ging nach Indien und Matthäus nach Äthiopien.
Obwohl sie sich in verschiedenen Teilen der Welt befanden, waren sie ein
Herz und eine Seele (Apg 4,32) und lehrten e i n e n
Herrn, e i n e n Glauben, e i n e
Taufe (Eph 4,5). Überall, wohin sie kamen, ernannten sie Bischöfe,
Priester und Diakone und weihten sie durch Handauflegung dazu, Hirten der
Herde Christi zu sein. In kurzer Zeit führten die Apostel eine große Zahl an
Heiden zu Christus – einfache Menschen ebenso wie Philosophen, Bettler wie Könige.
Obwohl die Apostel für ihren Glauben verfolgt wurden, gemartert und sogar getötet,
konnte nichts verhindern, daß der Glaube sich wie ein Lauffeuer bis zu den
Enden der Erde ausbreitete. Fast alle Apostel erlitten den Märtyrertod, und
viele ihrer Reliquien sind in den orthodoxen Kirchen bis zum heutigen Tag
erhalten geblieben.
Während jener schwierigen, vom Martyrium geprägten Zeit wurde die frühe
Kirche geformt und gefestigt. Es fanden von Anfang an Gottesdienste statt, es
entstanden die bildenden Künste und die Musik der Kirche. Sie entsprangen auf
natürliche Weise aus dem Alten Bund und flossen ein in den Neuen. Die Form
des Gottesdienstes wurde zur Zeit des Moses vorgebildet, wie sie ihm von Gott
offenbart wurde. Die bildenden Künste hatten ihren Ursprung in den
Mosaikabbildungen im Tempel, die Szenen aus dem Alten Bund darstellten, und in
den vorchristlichen Künsten.
Diese Tradition der sakralen Kunst wurde vom Apostel Lukas fortgeführt, der
die ersten ikonographischen Darstellungen der Jungfrau Maria, das Christuskind
haltend, ausführte. Die Musik (Gesang) ging zurück auf die Psalmen Davids.
Sogar die Liturgie (der eucharistische Gottesdienst mit der Hl. Kommunion im
Zentrum) hat ihren Ursprung im Alten Bund, wobei Christi Leib und Blut das
neutestamentarische Opfer ist (Jh 6,48-58), Der erste Kommunionsgottesdienst
wurde vom Apostel Jakobus, dem Bruder des Herrn, zusammengestellt und gründete
sich auf dessen Erleben des Heiligen Abendmahls. Auch heute noch ist er in der
Orthodoxen Kirche in Gebrauch.
Die Katakomben
Die
ersten Christen wurden von der Welt abgelehnt und mit Folter und Tod verfolgt.
So erfüllte sich Christi Prophezeiung: Wenn die Welt euch haßt, dann wißt,
daß sie Mich schon vor euch gehaßt hat. Wenn ihr von der Welt stammen würdet,
würde die Welt euch als ihr Eigentum lieben. Aber weil ihr nicht von der Welt
stammt, sondern weil Ich euch aus der Welt erwählt habe, darum haßt euch die
Welt (Jh 15,18). Um der Verfolgung zu entgehen, flohen die Christen in die
Katakomben – unterirdische Höhlengänge, in denen sie ihre Toten
bestatteten – und hielten dort ihre geheimen Gottesdienste ab, im
verborgenen, völlig von der Welt abgeschnitten. Sie lebten in ständiger
Erwartung des Martyriums, und so waren sie stets wachsam und bereiteten sich
auf die andere Welt vor. Irdischer Reichtum, Komfort und Ruhm hatten keine
Bedeutung für sie, denn das Leiden entledigte sie solcher Dinge. Die
Ausbreitung des christlichen Glaubens unter den Heiden rief Verfolgungen gegen
die frühen Christen hervor, denn sie lehnten es ab, irgendeinen anderen Gott
als den Einen Lebendigen Gott anzubeten. Viele Tausende von Männern und
Frauen nahmen mutig die grausamsten Formen an Foltern, die man sich vorstellen
kann, auf sich. Sie wurden für ihren Glauben enthauptet, verbrannt, ertränkt,
zerschnitten und gekreuzigt; die zahllosen Aufzeichnungen und Berichte über
die Märtyrer bezeugen ihre unauslöschliche Liebe zu Gott. Eusebius, der
Historiker zu Beginn des 4. Jahrhunderts, schrieb: „Ich selbst war ein
Augenzeuge davon. Die eisernen Werkzeuge wurden schartig und zerbrachen, und
die Folterknechte selbst ermüdeten und mußten sich abwechseln, um sich zu
erholen.“
Der
Ruf zu einem gewaltsamen Tod war ständig greifbare Realität für jene, die
an Gott und Seinen Christus glaubten. Das Martyrium war fortwährend der
letztendliche Akt der Weltentsagung und die höchste Form des
Glaubensbekenntnisses. Während es in den Augen der Welt die höchste
Entehrung darstellte, war es in den Augen der Gläubigen die größte Ehre. Für
die frühen Christen konnte der Leib, der ein Tempel Gottes ist, auch ein
Opfer für Gott werden, wenn man bis zum Tod beharrlich blieb um der Wahrheit
willen. Nur Gott und Sein Geist, tief in den Märtyrern einwohnend, ermöglichte
es ihnen, im Tod, der für sie das Wahre Leben war, zu siegen.
Vom
Standpunkt der Welt aus schien es, als würde der christliche Glaube zusammen
mit den Märtyrern sterben, doch dies war nicht der Fall. Viele Heiden, die
den Glauben und das Bekenntnis der Märtyrer und die Wunder, die diese
vollbrachten, sahen, wurden selbst von der Wahrheit des christlichen Glaubens
überzeugt und wurden Christen. Je mehr die Christen verfolgt wurden, desto
mehr wuchs der christliche Glaube.
Der
früheste Bericht über das Martyrium ist jener des hl. Stephan, der ein
Diakon der Kirche war (Apg 6,5). Er wurde zu Tode gesteinigt, weil er im jüdischen
Tempel verkündete, daß Jesus Christus der Messias war. Kurz vor seinem Tod
schaute er zum Himmel hinauf und sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur
Rechten Gottes stehen (Apg 7,55).
Ein
anderer Märtyrerbericht aus der Katakombenzeit des Christentums ist die Vita
der hl. Katharina († 305). Sie war die Tochter eines ägyptischen
Herrschers. Von Kindheit an genoß sie eine gute Ausbildung. Sie liebte die
Weisheit dieser Welt, bis sie Christus begegnete, Der die wahre Weisheit ist.
Da wurde sie Christin und lehrte furchtlos andere den Einen wahren Gott, Der
leibgeworden war, um die Welt zu retten.
Dafür
wurde sie unter strenger Bewachung eingekerkert und gefoltert. Als die Arena
voll mit Schaulustigen war, wurde sie den weisesten Männern jener Zeit vorgeführt,
damit diese sie im christlichen Glauben herausforderten. Ihre Antworten
machten jeden sprachlos, und viele glaubten ihren Worten und wurden ihrerseits
Christen. Dies erzürnte den König in einem solchen Maß, daß er jeden
lebendig verbrennen ließ, der als Christ aufgefunden wurde. Nach weiterer
Kerkerhaft wurde die hl. Katharina zum Platz geführt, wo sie hingerichtet
werden sollte. Dort betete sie: „Streck Deine Hand aus, die ans Kreuz
genagelt wurde um meinetwillen und empfange meine Seele.“ Nach vielen
weiteren Torturen wurde sie schließlich enthauptet.
Die
Zahl der Märtyrer, die in jenen ersten Jahrhunderten der Kirche starben, ist
endlos und beweist die Kraft, die im christlichen Glauben vorhanden ist. Viele
Augenzeugenberichte über Leben und Tod dieser Märtyrer existieren bis heute
dank der Gläubigen, die mutig ihr Gedächtnis in den Katakomben bewahrten.
Das Byzantinische Reich
Plötzlich,
inmitten all der Leiden der frühen Kirche, hörte die Verfolgung auf. Im Jahr
312 wurde Konstantin der Große, der Kaiser des Römischen Imperiums, vom
Zeichen des christlichen Glaubens besiegt. Kurz vor einem entscheidenden Kampf
sahen er und seine Soldaten ein leuchtenden Kreuz am Himmel, das die Inschrift
trug: „In diesem Zeichen wirst du siegen.“ In der folgenden Nacht erschien
ihm Christus mit dem Kreuz in Seiner Hand und sagte ihm, daß er durch dieses
Zeichen seinen Feind besiegen würde und gab die Anweisung, daß die Schilde
aller Soldaten das Kreuzeszeichen tragen sollten. Der Kaiser erfüllte das
Gebot Gottes und siegte. Da er die Kraft des Kreuzes sah, ließ er vom
Heidentum ab und nahm den christlichen Glauben an. Er stellte sein ganzes
Reich unter den Schutz Christi und Seines Kreuzes. Konstantin legalisierte das
Christentum und verlegte seinen Reichssitz von Rom nach Konstantinopel
(Byzanz), um so einen neuen Anfang zu setzen. Er nannte diese Stadt das zweite
Rom. So entstand das Byzantinische Reich – die erste christliche
Gesellschaft, geleitet von christlichen Prinzipien.
Nun,
da die Kirche frei war und die Katakomben verließ, wurden überall Kirchen
oberirdisch errichtet. Einige der ersten Kirchen, die man erbaute, wurden über
den heiligen Stätten errichtet, an denen Christus gelebt hatte. Später im
sechsten Jahrhundert wurde ein Kloster am Berg Sinai an der Stätte des
Brennenden Dornbuschs (Ex 3,2) erbaut, nicht weit entfernt von jener Stelle,
an der Moses die Zehn Gebote empfangen hatte. Die meisten dieser Kirchen sind
bis auf den heutigen Tag als orthodoxe Kirchen und Klöster bewahrt geblieben.
Mit
den sichtbaren Kirchen begann das Christentum zu blühen. Es begann die
Verfeinerung der christlichen sakralen Kunst der Ikonographie, die
Kirchenmusik (Gesang) gedieh und die Menge der christlichen Literatur begann
zu wachsen. Kurz, die Kirche wurde das Zentrum eines jeden Aspekts des Lebens.
Diese Periode der Freiheit und der Erholung für die Kirche wurde zu jener
Zeit, in der die Glaubensgrundlagen des christlichen Glaubens artikuliert und
die Bücher ausgewählt wurden, die den Standard der Heiligen Schrift
bildeten.
Kaiser
Konstantin berief ein Bischofskonzil ein, das sich von den vier Enden der Erde
aus versammelte. Dieses Konzil war das erste von sieben Ökumenischen Konzilen
in der Geschichte der Kirche und wurde nach dem Vorbild des Apostelkonzils (Apg
15) gestaltet. Das Konzil von Konstantinopel formulierte das Bekenntnis des
christlichen Glaubens (das Credo), damit es e i n Bekenntnis des Glaubens und
nicht verschiedene Interpretationen gäbe. Vor diesem Konzil gab es keinen
universell akzeptierten Kanon der Schriften des Neuen Testaments und somit
keine Bibel. Es gab einfach die Berichte über das Leben Christi, verfaßt von
den Aposteln Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, und viele Epistel (Briefe)
von Paulus, Petrus und anderen Aposteln. Es gab auch Briefe und Schriften von
Apostelschülern wie den hll. Ignatius, Clemens, Dionysius und anderen. Eine
der Personen, die auf diesem Konzil hervortraten, war der hl. Athanasios von
Alexandria. Er war derjenige, der für den Kanon der Heiligen Schrift
verantwortlich war, der das Neue Testament bildete, wie wir es heutzutage
besitzen. Mit der Gründung des ersten christlichen Imperiums – des
Byzantinischen Reichs – erschienen die Bibel, das Glaubensbekenntnis und ein
ganzer christlicher Erfahrungsbereich, der das Angesicht der Welt auf ewig veränderte.
Das monastische Ideal
Doch
jene Zeit der Freiheit ließ ein zentrales Problem entstehen. Ohne die Leiden
der Verfolgung und des Martyriums als Mittel zur christlichen Vollkommenheit
begannen sich viele Christen dieser Welt anzupassen. In ihrer Freiheit und in
ihrem Reichtum begannen sie zu vergessen, daß es im christlichen Leben darum
geht, die Seele aus dieser Welt heraus in das ewige Reich zu führen. In
diesem Leben ist es ein Pfad des Leidens, doch er führt zum Frieden im
kommenden Leben. Folglich flohen Männer und Frauen, die spirituelle
Vollkommenheit statt der Freuden dieser Welt suchten, in die Wüsten und
Wildnisse von Palästina und Ägypten. Wie die Mauern der Katakomben
isolierten sie die ausgedehnten Flächen der Wüsten vor dem Einfluß der Welt
und boten ihnen die Möglichkeit für ein stärker auf Gott zentriertes Leben.
Durch ein Leben des Gebets, des Fastens, der Selbstverleugnung, der Keuschheit
und Wachsamkeit wurden diese Asketen zu lebenslangen Märtyrern. Sie wurden
bekannt als Mönche und Nonnen.
Obwohl
sich das Mönchtum im vierten Jahrhundert entwickelte, liegt sein Ursprung in
der Zeit des Alten Bundes, als Gott Moses das Nasiräergelübde offenbarte –
ein zölibatäres Gelübde, in dem man sein Leben Gott weihte (Num 6,2). Von
Elias bis zu Johannes dem Täufer gab es unter den Propheten viele Beispiele
des Nasiräergelübdes. Später wurde es vervollkommnet im Leben Christi.
Nachdem der Apostel Markus, der die Kirche von Ägypten gründete, Zeuge des
Vorbildes Christi geworden war, begann er die erste asketische Gemeinschaft,
die diese Lebensweise fortsetzte. Diese Gemeinschaften hatten als ihr Vorbild
die Propheten des Alten Bundes und verhielten sich nach den Prinzipien, die in
Apg 4,32 dargestellt werden. Die Bewohner dieser ersten Klöster (gr. moní)
nannte man Mönche (gr. monachós), abgeleitet vom griechischen mónos:
allein – jemand, der es sich erwählt, allein mit Gott zu sein. Aus diesen
Gemeinschaften gingen im vierten Jahrhundert die großen Mönchs-heiligen Ägyptens
hervor.
Eine
der frühesten Berichte über einen Mönch ist das Leben des hl. Antonios des
Großen († 356). Als er noch jung war, starben seine reichen Eltern plötzlich
und hinterließen ihm ihren ganzen Besitz. Traurig über ihren Tod ging er
eines Tages in die Kirche und hörte die Worte, die der Priester aus der
Heiligen Schrift las: Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen
Besitz und gib das Geld den Armen, so wirst du einen bleibenden Schatz im
Himmel haben (Mt 19,21). Als Antonios dies hörte, begann sein Herz für
Christus zu brennen. Daraufhin ging er nach Hause, gab sein ganzes Erbe den
Armen und begab sich in die ägyptische Wüste, um mit Gott allein zu sein. Er
lebte dort, bis er mehr als hundert Jahre alt war – im Gebet, Fasten und in
der Lektüre der Heiligen Schrift. Tausende anderer, die von seiner
Lebensweise vernahmen, folgten seinem Beispiel, und das Mönchtum begann sich
überallhin auszudehnen. Nachdem Antonios gestorben war, schrieb der hl.
Athanasios der Große, der ihm nahestand, sein Leben zur Erbauung anderer auf.
Dies war derselbe Athanasios, der für die Zusammenstellung der Heiligen
Schrift verantwortlich war, die als die Bibel, die wir heute haben, bekannt
ist. Durch Athanasios wurde dieses Heiligenleben in der ganzen Welt bekannt
und veränderte durch diese Schilderung jenes einfachen Mönches, der in einer
Höhle lebte, des hl. Antonios, das Antlitz der Geschichte.
Diese
Lebensweise, die man Mönchtum nannte, verbreitete sich schnell in der ganzen
Welt und bewahrte denselben authentischen Geist der frühen Kirche. Ganze Städte
und Gesellschaften hatten ihren Ursprung in der schlichten Armut dieser Mönche.
Zuerst ließ sich ein Mönch an irgendeinem unbewohnten Ort nieder, dann
siedelten andere in der Nähe, und mit der Zeit wuchsen Dörfer und
Ortschaften. Auf diese Weise verbreitete sich das Mönchtum in Ägypten, Äthiopien,
Griechenland, Italien, Irland, Frankreich, Rumänien, Serbien, Rußland und
bis zu den Enden der Erde.
Die große Spaltung
Zu
Beginn der christlichen Kirche ernannten die Apostel Nachfolger, um die Kirche
zu leiten und zu behüten. Diese Leiter wurden Priester, Bischöfe und
Patriarchen genannt. Priester wurden ernannt als Hirten einzelner Kirchen,
Bischöfe wurden ernannt als Hirten über bestimmte geographische Regionen,
die oft Hunderte von Kirchen umfaßten, und Patriarchen hatten die geistliche
Leitung über die Bischöfe und Priester der Kirche inne. Diese Form der
Hierarchie wurde aus der alttestamentarischen Zeit Moses’ übernommen (Ex
18,13-21).
Obwohl
in der ganzen christlichen Welt Hunderte von Bischöfen wirkten, gab es nur fünf
Patriarchen – je einer in den fünf wichtigen Städten im Imperium:
Jerusalem, Alexandria, Antiochia, Konstantinopel und Rom. Alle berieten
miteinander, wobei sie als ihr Haupt Christus hatten, und es gab nicht eine
einzelne Person, die die Kirche regierte. Alle bedeutenden Entscheidungen
wurden nur im Konzil beschlossen, nicht ein einzelner Patriarch oder Bischof
hatte die absolute Superiorität über die anderen, sondern alle arbeiteten in
Gleichheit zusammen. Durch diese Hierarchie gelang es der Kirche über
Jahrhunderte hinweg, die Einheit zu bewahren.
Im
neunten Jahrhundert jedoch begannen Osten und Westen auseinanderzudriften. Der
Patriarch von Rom (Papst) begann neue und fremde Ideen in den Glauben einzuführen.
Eine dieser Ideen war das Primat des römischen Papstes über den Rest der
christlichen Kirche. Die anderen vier Patriarchen der Kirche im Osten
versuchten ohne Erfolg, den Papst von Rom davon abzubringen, diese neue Idee
einzuführen, da sie wußten, daß die Einführung eines einzelnen obersten
Kirchenführers über die ganze Kirche diese spalten und verderben würde.
Eine
weitere neue Idee, die der Papst von Rom einzuführen begann, war die Veränderung
des seit Jahrhunderten bestehenden christlichen Glaubensbekenntnisses, das
durch die frühe Kirche festgelegt worden war. Das Glaubensbekenntnis (Credo)
ist die Summe des christlichen Glaubens, deren Grundlagen seit der Zeit der
Apostel, basierend auf der Heiligen Schrift, feststanden. Die Kirche im Osten
warnte die westliche Kirche vor den Gefahren, wenn man irgendeinen Teil des
Glaubens verändert und besonders das Glaubensbekenntnis selbst. Doch die Veränderung
war schon voll im Gang, und die Bischöfe im Westen hatten bereits begonnen,
diese neuen Ideen aufzunehmen, obwohl die Gläubigen Widerstand leisteten.
In diesen
schwierigen Zeiten der Spaltung fanden viele Dialoge zwischen der Kirche des
Ostens und der Kirche des Westens im Versuch statt, ihre Unterschiede
aufzuarbeiten. Da die Orthodoxe Kirche keine Kompromisse einging und nicht
gestattete, daß irgendwelche Veränderungen im Glauben vorgenommen wurden,
trennte sich im Jahr 1054 die Römische Kirche offiziell vom Rest der Kirche.
Die Spaltung
basierte auf Fragen der Macht und der Theologie, und im Hintergrund dieser
Fragen stand der folgende trennende Faktor: Im Osten sah man die Kirche immer
als etwas Jenseitiges, das die Gläubigen zum Himmel hin ausrichtet, während
im Westen die Kirche diesseitig-innerweltlich zu werden begann, das die Gläubigen
auf eine irdische Organisation hin orientiert statt auf den geistigen
Organismus des Leibes Christi. So begann die „Organisa-tion Religion“.
Obwohl der Rest
der Christenheit versuchte, Rom zurückzurufen zum orthodoxen Verständnis des
Christentums, hatte Rom bereits seine Entscheidung getroffen, einen anderen
Weg einzuschlagen und nicht zurückzukehren. Dies war die erste Spaltung
(Gruppierung) im westlichen Christentum, die erste von Tausenden, wie sich später
herausstellte.
Im Lauf der Jahre
nach dem verheerenden Schisma, erfuhr der Westen ungeheuren Aufruhr und
Verfall. Die Kreuzzüge begannen, die sich zu einem Angriff auf die Kirche des
Ostens entwickelten. Dann kam die Inquisition, dann die Renaissance, die
heidnische Ideen zurückbrachte und mit dem Christentum vermischte, und schließlich
die protestantische Reformation. Der Westen erfuhr das „Finstere
Zeitalter“ oder „Mittelalter“, das den allmählichen Übergang zwischen
der alten christlichen Weltsicht und der modernen gottlosen kennzeichnete. Der
Osten erlebte ein solches Mittelalter nicht, denn die Orthodoxe Kirche
bewahrte das Christentum der Apostel und der frühen Kirche.
Die Orthodoxie
erlitt weiterhin Martyrium und Verfolgung durch die Welt – diesmal durch das
moslemische Joch. Wie es war unter der Verfolgung durch die heidnischen Römer,
so bewahrte das Leiden aus der Hand der Moslems die Kirche auch jetzt rein,
idem es keine lauwarme Haltung gegenüber dem Glauben erlaubte.
Das dritte Rom
Ungefähr in der Zeit, in der die Römische
Kirche abfiel, wurde die Orthodoxe Kirche durch die Bekehrung einer ganzen
Nation vergrößert. Dies war die slavische Nation von Rußland. Die Schritte
hin zu dieser Bekehrung begannen zuerst im Jahr 863, als zwei missionarische Mönche
aus dem Byzantinischen Reich, die hll. Kyrill und Method, den Fuß in die
slavischen Länder von Bulgarien und Serbien setzten. Durch ihre Mühen
erreichte das Christentum schließlich Rußland. Obwohl sie aus dem entfernten
Konstantinopel stammten, waren sie mit den slavischen Völkern und ihrer
Sprache von Kindheit an vertraut. Da die slavischen Völker keine
geschrie-bene Sprache hatten, entwickelte der hl. Kyrill das slavische
Alphabet aus dem Griechischen, um die Heilige Schrift zu übersetzten.
Obwohl die hll. Kyrill und Method
das Evangelium den slavischen Nationen brachten, fand die vollständige Umkehr
des russischen Volkes erst einhundert Jahre später statt. Rußland war fast völlig
heidnisch zu jener Zeit, obgleich es kleine Nischen des Christentums dank der
Bemühungen des Apostels Andreas gab. Der Apostel Andreas hatte in Rußland
das Evangelium verkündet und Kreuze in Kiev und auf der Insel Valaam im
Ladoga-See im Norden aufgestellt. Fast tausend Jahre nach dem hl. Andreas
entschied Fürst Vladimir, daß eine offizielle Religion notwendig sei für
sein Land. Auf der Suche nach dem wahren Glauben erforschte er alle großen
Religionen der Welt und schickte Gesandte, die deren Kirchen und Tempel
besuchen sollten. Nachdem sie verschiedene Religionen erkundet hatten, kehrte
die Gesandtschaft zum Fürsten zurück und sagte: „Als wir zu den Griechen
kamen und diese uns in das Gebäude führten, wo sie ihren Gott anbeten, wußten
wir nicht, ob wir im Himmel oder auf Erden waren. Denn auf der Erde gibt es
nicht solche Pracht oder Schönheit, und wir vermöchten sie nicht zu
beschreiben. Wir wissen nur, daß Gott dort unter den Menschen wohnt und ihr
Gottesdienst die Gottesdienste aller anderen Nationen übertrifft.“ Der Fürst
nahm den orthodoxen christlichen Glauben an, wurde getauft und befahl, alle Götzenbilder
im Land zu zerstören.
Es dauerte nicht lange, da wurde das
ganze russische Land zu einer Bastion des Christentums, erfüllt mit vielen
Heiligen. Bald bedeckten Kirchen das Land, Klöster erfüllten die Weiten der
Wildnis, und goldene Kuppeln waren zu sehen, die über jeder Stadt und jedem
Ort prangten.
Dann geschah im Jahr 1453 eine große
Tragödie. Der Sitz des Byzantinischen Reiches in Konstantinopel wurde von den
moslemischen Türken eingenommen, die seit Jahrhunderten gegen die
christlichen Nationen Krieg führten. Der Fall von Byzanz führte zum Aufstieg
des Neuen Byzanz – des Heiligen Rußland. Es scheint, als wäre Rußland zur
Bewahrung des orthodoxen Glaubens berufen worden. Das erste Rom hatte sich von
der Orthodoxie abgewandt und das zweite war gefallen. So wurde Moskau das
dritte Rom.
Genauso wie in Byzanz war jeder
Aspekt des Lebens in Rußland um die Kirche und das christliche spirituelle
Leben herum angeordnet, dennoch entstand auch hier die Notwendigkeit zu einem
viel tieferen, auf Gott zentrierten Leben, das nur die Wüste zu bieten
vermag. In Rußland wurde die rauhe Wildnis zur Wüste, die Einsamkeit und
Strenge für das auf Gott zentrierte Leben, genannt Mönchtum, bot. Der Gründervater
des russischen Mönchtums war der hl. Antonij von Kiev († 1073). Nachdem er
auf dem Berg Athos in Griechenland Mönch geworden war, kehrte er in sein
Heimatland zurück und ließ sich in einer Höhle in Kiev nieder. Nach kurzer
Zeit entstand in der Umgebung dieser Höhle ein ganzes Kloster. Bald
verbreitete sich das monastische Ideal in ganz Rußland, sogar in der tiefsten
Wildnis.
Während der tausend Jahre des
Christentums in Rußland gab es stets Heilige, die den Geist der frühen
christlichen Kirche fortsetzten. Zum Beispiel gab es dort den hl. Seraphim von
Sarov († 1833), ein Mönch, der von Kindheit an ein sehr reines Leben führte.
Er hatte die Gnadengaben der Heilung und des unablässigen Gebets und war
umgeben von einem wunderbaren, unirdischen Licht. Dies war dasselbe göttliche
Licht, mit dem lange Zeit zuvor Christus Seine Apostel erleuchtet hatte und
das die Apostel bis an die Enden der Welt trugen.
Die Enden
der Welt
Als sich Rußland auf großer geistiger Höhe
befand, wurde eine Gruppe von orthodoxen Missionaren nach Osten über Sibirien
in die Neue Welt gesandt, um dort den Schatz des orthodoxen christlichen
Glaubens zu verbreiten. Im Jahr 1794 wurde eine Gruppe von zehn Mönchen aus
dem Kloster Valaam auf jener Insel, wo der Apostel Andreas Jahrhunderte zuvor
den christlichen Glauben verkündet hatte, zusammengestellt. Im Geist des
Apostels fuhren diese russischen Mönche nach Alaska, und durch Liebe und
Selbstaufopferung brachten sie Tausende von Eingeborenen zum christlichen
Glauben. Einer dieser missionarischen Mönche erlitt das Martyrium, während
ein anderer in der Neuen Welt das Mönchsleben im Geist des hl. Antonios des
Großen und des hl. Antonij von Kiev begann. Dies war der hl. Herman (†
1836), der der erste Heilige im Land Amerika wurde. So wurde durch Rußland
das Christentum der Apostel, der Katakomben und des Byzantinischen Reichs in
die amerikanische Erde eingepflanzt.
Nach dem Tod des
hl. Herman wurde das Erbe des orthodoxen Christentums in der Neuen Welt vom
hl. Innokentij († 1879) weiter-getragen. Er war ein einfacher Priester aus
Sibirien, der eine unstillbare Sehnsucht danach hatte, sein ganzes Leben dem
Dienst Gottes zu widmen. Diese Sehnsucht erfüllte sich, als er in die Wildnis
von Alaska fuhr. Dort reiste er durch dieses Grenzland der Erde wie die
Apostel lang zuvor durch andere Länder, lebte in Bedrängnis und
Schwierigkeiten, litt unter extremer Armut und hatte mit den rauhen
Naturelementen zu kämpfen – einzig mit dem Ziel, den Himmel für so viele
Seelen wir möglich zugänglich zu machen. Der hl. Innokentij hatte eine
Schriftsprache für die Eingeborenen von Alaska zu entwickeln, wie die hll.
Kyrill und Method dies lange Zeit zuvor für die slavischen Völker getan
hatten, so daß diese neuen Christen das Wort Gottes in ihrer eigenen Sprache
vernehmen konnten.
Der hl. Innokentij war später
Bischof von Alaska und opferte sich weiterhin für seine Herde auf. Im hohen
Alter kehrte er in seine Heimat zurück, wo er zum Oberhaupt der Russischen
Kirche (einem Patriarchen gleichrangig) gewählt wurde. Als er Oberhaupt der
ganzen Russischen Kirche war, begann er, missionarische Gesellschaften zu gründen
mit dem Ziel, das Evangelium bis an die Enden der Welt zu verbreiten. Nachdem
er sein ganzes Leben im Dienst Gottes verbracht hatte, starb der hl.
Innokentij in seinem Heimatland und fand seine Ruhe mit den Heiligen im
Himmel.
Weniger als zwanzig Jahre später
wurde ein großes Licht des zwanzigsten Jahrhunderts im Heimatland des hl.
Innokentij geboren, der eines Tages das apostolische Werk in Amerika
fortsetzen sollte. Dies war der hl. Ioann Maksimovič. Von Kindheit an
liebte er Christus und Seine Kirche mehr als alles andere in der Welt. Diese
Liebe wurde erprobt, als seine russische Heimat kommunistisch/atheistisch
wurde und eine der blutigsten Verfolgungen in der Geschichte des Christentums
begann. Die Kirche mußte noch einmal in die Katakomben gehen, um zu überleben.
In diesen schwierigen Zeiten bewahrte Gott das Leben des hl. Ioann, und er
entkam in das orthodoxe Land Serbien, wo er später Mönch wurde. Bald darauf
wurde er zum Bischof geweiht.
Als Bischof und Nachfolger der
Apostel ging er nach China, wo er orthodoxe Kirchen gründete. Er organisierte
ein Waisenheim und sorgte für vernachlässigte Kinder. Er ging sogar in die
Slums, fand kleine Kinder in Mülltonnen und nahm sie mit nach Hause. Später
wurde er gebeten, Bischof von San Francisco in den Vereinigten Staaten zu
werden, wo er sein Lebenswerk fortsetzte und das Evangelium verbreitete.
Obwohl er in der Stadt lebte,
entsprach seine Lebensweise der eines Wüstenmönchs aus alter Zeit. Er betete
ohne Unterlaß, aß nur einmal am Tag sehr wenig, schlief nur drei Stunden in
der Nacht und opferte sich völlig für Gott und seine Nächsten. Er wählte
absichtlich diese schwierige Lebensweise, weil ihm der Himmel wichtiger war
als die Annehmlichkeiten der Erde. Dadurch erlangte er solche Höhen der
christlichen Vollkommenheit, daß er mehrere Male gesehen wurde, wie er von
einem unirdischen Licht umgeben war, das von ihm ausging, und ihm war die
Gnadengabe gegeben worden, Wunder zu wirken. Im Jahr 1966 entschlief der hl.
Ioann und wurde in San Francisco zur Ruhe gelegt. Bis zum heutigen Tag wird er
zusammen mit dem hl. Herman, dem hl. Innokentij und allen Heiligen der
Orthodoxen Kirche dafür verehrt, daß er das Licht Christi bis an die Enden
der Welt getragen hat.
Zusammenfassung
Von der Zeit der Heiligen der frühen Kirche
bis zu den Heiligen unserer eigenen Tage, der Heiligen unseres Jahrhunderts,
ist die ursprüngliche Kirche Christi als ein Schatz bewahrt geblieben, der
von Gott Selbst der Menschheit gegeben wurde. Im Lauf der Jahrhunderte hat
diese allumfassende Orthodoxe Kirche die Fülle der christlichen Erfahrung,
der Theologie und der Spiritualität kontinuierlich bewahrt. Sie wird uns in
der Liturgie gegeben, im Glaubensbekenntnis, in der Bibel, im Mönchtum und in
der ganzen christlichen Weltsicht.
Dies mag für jene überraschend
sein, die dachten, daß die geteilte und fragmentierte christliche Erfahrung
des Westens der einzige Ausdruck der Kirche sei. Andere jedoch, die die Östliche
Kirche entdeckt haben, finden Ruhe für ihre Seelen; jene, die hungern nach
der ursprünglichen, historischen christlichen Kirche, die die Apostel
begannen und die noch in unserer Zeit existiert.
Diese Kirche
erstreckt sich von den Heiligen im Himmel hinunter zu den Gläubigen hier auf
Erden, um uns von der Erde zu den Höhen des Himmels zu erheben. Somit ist das
Wesen der Kirche nicht in irdischen Institutionen zu finden, sondern muß im
spirituellen Leben der Kirche gesucht werden, das im Herzen stattfindet, denn
Christus offenbart sich im Herzen.
Wenn sich
Christus einer Seele offenbart, wird das Herz zum Kampfplatz, auf dem sich der
Christ seinen Weg zum Himmel erkämpft. Dieser Kampf, zusammen mit jenem, in
dem das ganze Leben hindurch das Gute über das Böse zu siegen bestrebt ist,
die Tugend über das Laster, wird „Unsichtbarer Krieg“ genannt – dies
ist die Essenz des spirituellen Lebens des Christen. Im Verlauf dieses Kampfes
wird die Seele gereinigt, damit sie ein Ort für den lebendigen Gott wird, in
den Dieser einzieht und in dem Er Wohnung nimmt. Dies ist das wahre und letzte
Ziel der Kirche. Alles andere im Leben ist nur sekundär.
Um diese Kirche
zu gründen, kam Gott hinunter zur Erde, wurde Mensch, litt, starb, auferstand
von den Toten und stieg auf in den Himmel. Dadurch zeigte Gott der Menschheit
den Weg von der Erde zum Himmel und gab uns Seine heilige Kirche als Ort, wo
Himmel und Erde einander begegnen und die Kommunion mit Gott beginnt.
Der Eintritt in die Pforte zum Paradies
Da die Orthodoxie die Fülle des ursprünglichen,
apostolischen Christentums ist, ist es erforderlich, um ein wahrer orthodoxer
Christ zu sein, Christ im vollsten Sinn des Wortes zu werden. Und das ist
nicht leicht. Es bedarf einer Lebenszeit des ständigen unsichtbaren Krieges,
asketischer Disziplin, Selbstverleugnung, Selbstkreuzigung und aktiver,
selbstloser Liebe. Um wahrhaft orthodox zu sein, muß man sich selbst sterben
und sein Leben hassen (Lk 14,26) – das heißt, das Leben seines
eigenen Egos. Du mußt für die Eigenliebe und den sinnlichen Genuß sterben,
die, wie die Väter lehren, die ersten Ergebnisse des Sündenfalls und die
Wurzeln aller Sünden sind. Du mußt in dich selbst schauen und dich mit
deiner Sünde konfrontieren, die sich nicht nur in einzelnen Handlungen äußerst,
sondern als ein umfassender Zustand. Dann mußt du darangehen, auch all die
subtilsten Leidenschaften auszureißen, die dich von Gott trennen. Du mußt
den Wunsch nach Vergeltung durch Vergebung überwinden, was nur durch die
Gnade Gottes geschehen kann. Du mußt dein ganzes Verlangen danach, beliebt zu
sein, auch bei anderen Mitgliedern der Orthodoxen Kirche, abschneiden; den
Wunsch nach Akzeptanz, Anerkennung, Würdigung und „Liebe“.
Christus sagte: Wer
nicht sein Kreuz trägt und Mir nachfolgt, kann nicht Mein Jünger sein. Wenn
einer von euch einen Turm bauen will, setzt er sich dann nicht zuerst hin und
rechnet, ob seine Mittel für das ganze Vorhaben ausreichen? (Lk
14,27-28). Viele Menschen nehmen das Kreuz Christi nicht auf sich, weil sie
meinen, es würde zu viel von ihnen verlangen. Andere nehmen es, doch da sie
nicht die Kosten bedacht haben, legen sie es wieder ab, da es ihnen zu schwer
wird. Noch andere werden orthodox, tun dies aber mit weltlichen Motiven: mit
dem Wunsch, offiziell zu sein, wichtig oder anerkannt; dem Wunsch,
„korrekter“ und historisch authentischer zu sein als Protestanten oder Römisch-Katholische;
dem Wunsch die wundervolle Ästhetik der orthodoxen Liturgien zu erfahren usw.
Wer so vorgeht, wird
allerdings niemals in das Wesen des orthodoxen Christentums gelangen. Da sie
niemals wirklich das Kreuz Christi auf sich genommen haben, werden sie niemals
die unirdische Freude Seiner Auferstehung kosten.
„Wer Gott zu
dienen wünscht“, sagt der hl. Basileios der Große (4. Jh.), „muß sein
Herz auf Kümmernisse vorbereiten.“ Der orthodoxe christliche Glaube ist ein
leidender Glaube, denn durch Leiden können wir schließlich zu unserem wahren
Zustand erwachen, bereuen, von Christus gereinigt und in dieser Läuterung zu
einem Wohnort des Heiligen Geistes werden. Der hl. Gregor der Theologe, der
große Theologe des vierten Jahrhunderts, beschrieb das wahre Christentum als
„leidende [Leid-tragende] Orthodoxie“. Dies auf sich zu nehmen, ist das
denkbar radikalste, forderndste Alles-oder-Nichts-Leben. Alle falschen Motive
müssen fortfallen, fortgebrannt werden im Feuer des Leidens für Jesus
Christus. Du mußt bis zum Maß, in dem du dazu fähig bist, die Leiden, die
Verfolgung und Kreuzigung, die die orthodoxen Heiligen im Verlauf der
Jahrhunderte erlitten haben, kosten. Um in ihre himmlische Gemeinschaft
einzutreten, mußt du den Preis bezahlen. Christus sagt: Eng ist das Tor
und schmal ist der Pfad, der zum Leben führt, und nur wenige finden ihn (Mt
7,14). Dieser Weg ist durch den Schmerz des Herzens und Tränen der Reue zu
finden. Gemäß deiner Sehnsucht und deinem Streben wirst du eintreten; du
wirst die Früchte des Paradieses schon in diesem Leben kosten, und Christus
wird deine Leiden mit Seiner Gegenwart erfüllen. Dann wirst du die Freude der
Auferstehung kennen, denn du wirst die Auferstehung in deiner eigenen Seele
erfahren haben. Du wirst im Inneren ein neues Wesen sein, und du wirst das
Reich Gottes in dir finden.
Durch die
Mysterien, die Schrift, die geistige Disziplin und die asketischen Lehren der
Orthodoxen Kirche wirst du die Pforte zum Paradies finden. Und dann wirst du
in deinem eigenen Herzen, in deinem eigenen inneren Sein, das Paradies selbst
finden. Du wirst finden, was wahres Gebet ist, und du wirst Ihn finden, Der
dich dein ganzes Leben lang gerufen hat: Christus, den Bräutigam deiner
Seele.
Zusammengestellt von
Youth
of the Apocalypse Outreach,
St.
Herman of Alaska Brotherhood,
Forestville,
Ca.
Mönch
John M.
Weitere Texte aus der Tradition des
orthodoxen Christentums:
http://deutschorthodox.wordpress.com/about
Liturgische Texte, Heiligenleben,
Fastenrezepte, Linksammlungen usw.:
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Allgemeine Linksammlung zur
Orthodoxie:
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