
DER GLAUBE DER
ORTHODOXEN CHRISTEN
Hl.
Nikolaj Velimirović
Orthodoxe
Quellen und Zeugnisse


Einleitung
Der
christliche Glaube im Allgemeinen
FRAGE:
Was ist der christliche Glaube?
ANTWORT: Der christliche Glaube ist das Wissen des Christen
über die wichtigsten Mysterien des Daseins und des Lebens. Dieses Wissen
können die Menschen nur dadurch erlangen, daß sie an Gott glauben,
niemals vermögen sie es durch ihre eigenen Bemühungen zu gewinnen.
F.
Was sind diese wichtigsten Mysterien des Daseins und des Lebens, über die
allein der Christ das rechte Wissen besitzt?
A. Es sind dies:
Das
Mysterium der unsichtbaren Wirklichkeiten: Gottes, der Engel und der
menschlichen Seele;
Das Mysterium der Schöpfung der Welt und des Weltendes;
Das
Mysterium der unablässigen Vorsehung Gottes, wodurch Er die Menschen und
die Menschheit durch Seine Weisheit und Macht zum festgesetzten Ziel führt;
Das
Mysterium der Sünde des Menschen und seines Sturzes und jenes seiner
Rettung durch den Inkarnierten Gott;
Das
Mysterium des Himmelreichs als Ziel des irdischen Menschenlebens und jenes
des rechten Weges zu diesem Ziel, d.h. des rechten Verhaltens des Menschen
gegenüber sich selbst, gegenüber seinem Nächsten und gegenüber Gott.
Das
Mysterium der Auferstehung der Toten, des Letzten Gerichts und des ewigen
Lebens.
F.
Aber haben nicht manche andere religiöse Lehrer, Denker und Philosophen
versucht, diese Mysterien zu erhellen?
A. Es haben tatsächlich viele versucht, doch nur versucht,
mit all ihren beschränkten menschlichen Fähigkeiten, indem sie intensiv
nachdachten und die Welt und die menschliche Natur erforschten. Doch all
ihre Mühen führten zu diversen Theorien und Vermutungen, die einander
widersprechen.
F.
Worin besteht die Überlegenheit des christlichen Wissens gegenüber deren
Wissen?
A. In der Autorität Christi als Augenzeuge. Er bestätigt:
„Ich bezeuge, was Ich gesehen habe“ (Jh 8,38), und wiederum: „Keiner
ist in den Himmel hinaufgestiegen außer dem, der vom Himmel
herabgestiegen ist: der Menschensohn.“ (Jh 3,13) Zu den religiösen
Lehrern Seiner Zeit sprach Er: „Ihr seid von unten, Ich bin von oben;
ihr seid von dieser Welt, Ich bin nicht von dieser Welt.“ (Jh 8,23) Zu
einem der Lehrer Israels sagte Er: „Amen, amen, Ich sage dir: Wir reden,
was wir wissen, und bezeugen, was wir gesehen haben.“ (Jh 3,11) Und
wiederum: „Ich bin das Brot des Lebens, das vom Himmel herabgekommen
ist.“ (Jh 6,41) Und viele solche Dinge sprach Er mit der Autorität des
Augenzeugen über alle Mysterien des Himmels und der Erde; und die
Menschen gerieten über seine Lehren so sehr in Erstaunen, daß sie
sagten: „Noch niemals hat ein Mensch gesprochen wie dieser.“ (Jh 7,46)
F.
Natürlich glauben wir im Alltag einem Augenzeugen mehr als einem
Theoretiker oder Philosophen. Doch es gab religiöse Lehrer, die ihre
Lehre einem Engel zuschrieben. Engel sind ja ebenfalls Augenzeugen großer
Mysterien. Was soll man davon halten?
A. Es ist wahr, daß Gott zuweilen Engel zu bestimmten
Menschen gesandt hat, um diese zu lehren oder zu leiten. Häufiger aber
geschah es, daß Menschen falsche Visionen hatten, d.h. böse Geister,
gekleidet in das Licht echter Engel. Im Fall Christi ist es jedoch völlig
anders. Er wurde niemals von Engeln gelehrt oder geleitet, sondern im
Gegenteil: Er befahl den Scharen der Engel, und Er trieb bei den Menschen
die bösen Geister aus. Die Engel dienten Ihm, und die Dämonen fürchteten
Ihn.
F.
Sollten wir daher denken, daß die christliche Religion über allen
anderen Religionen der Welt steht, ist das richtig?
A. Der christliche Glaube sollte nicht mit anderen
Religionen verglichen werden, und streng genommen, sollte man ihn überhaupt
nicht als „Religion“ bezeichnen (wie man von den Religionen der Völker
spricht), denn er ist keine Religion unter anderen Religionen, sondern er
ist der Glaube
an Christus, und er ist Christi Offenbarung.
Er ist Gottes persönliche, einzigartige und abschließende Offenbarung an
den Menschen, um diesen zu erleuchten und zu retten. Eine andere
Offenbarung Gottes wird es nicht geben, und man darf bis zum Ende der Welt
keinen anderen Messias als Jesus Christus erwarten.
F.
Was ist dann von der modernen Tendenz in manchen Kreisen zu halten, den
christlichen Glauben mit den anderen Religionen auf eine Stufe zu stellen?
A. Das ist eine falsche Tendenz und ein gefährliches
Experiment. Denn „Gott läßt keinen Spott mit Sich treiben“ (Gal
6,7); ebensowenig ist das Blut des Sohnes Gottes mit der Tinte der
Schrift-gelehrten gleichzusetzen. Denn obwohl wir als die Mitglieder
unserer alten Kirche des Ostens zur unbedingten Nächstenliebe gegenüber
allen Menschen verpflichtet sind, ist es uns doch streng verboten, die
Wahrheit, die uns von Gott offenbart wurde und die wir geerbt haben, durch
von Menschen gemachten Religionen oder Philosophien zu verleugnen.
F.
Wodurch sollen wir solche relativierenden Tendenzen bekämpfen?
A. An erster Stelle durch eine tiefgreifende Kenntnis
unseres eigenen orthodoxen Glaubens, indem wir ihn im täglichen Leben
praktizieren und daran festhalten, wie Wissenschaftler an jener Tatsache,
die sie herausgefunden haben, daß die Erde rund ist, gegen jene
festhalten, die denken, sie sei flach. Zweitens, durch von Edelsinn und
Weisheit geleitete Bemühungen – niemals durch Gewalt –, jene
Menschen, die an niedrigere und niedrigste Glaubensrichtungen gebunden
sind, zu den Höhen unseres vollkommenen Glaubens zu heben, statt das, was
vollkommen ist, herunterzuziehen und es mit dem Unvollkommenen zu
vermischen, um eine Übereinkunft zu erzielen.
F.
Doch warum bezeichnen wir unseren Glauben als den lebendigen Glauben?
A.
Weil unser Glaube und unser Leben untrennbar miteinander verbunden sind
wie Ursache und Wirkung. Jesus sagte: „Wer an den Sohn (Gottes) glaubt,
hat das ewige Leben; wer aber dem Sohn nicht gehorcht, wird das Leben
nicht sehen, sondern Gottes Zorn bleibt auf ihm.“ Und es heißt auch:
„Der Gerechte wird durch den Glauben leben.“ (Heb 10,38)